Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat am Sonntag Zugang zum Turbinengebäude von Block 6 des besetzten Kernkraftwerks Saporischschja verlangt. Eine Drohne hatte nach Angaben der Anlagenbetreiber in der Nacht die Wand der Maschinenhalle durchschlagen, ein Loch sei deutlich sichtbar. Strahlungswerte blieben den Inspektoren zufolge unverändert, die seit der russischen Besetzung im März 2022 abgeschalteten Reaktoren waren nicht betroffen. Es war der erste registrierte Drohnentreffer auf dem Gelände seit April 2024.

Russland erhob umgehend Vorwürfe gegen die Ukraine. Rosatom-Chef Alexej Lichatschow sprach von einer „über ein Glasfaserkabel ferngesteuerten Drohne“ und machte die ukrainischen Streitkräfte verantwortlich, wie Handelsblatt und ZDFheute übereinstimmend berichten. Belege legte der Konzern bislang nicht vor. Das ukrainische Südkommando dementierte über Facebook, einen Angriff auf Reaktorblock 6 ausgeführt zu haben, und nannte die russische Darstellung einen Versuch der „nuklearen Erpressung“. Kyjiw operiere ausschließlich im Rahmen des humanitären Völkerrechts.

Grossi spricht vom Spiel mit dem Feuer

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi reagierte mit scharfen Worten. Angriffe auf nukleare Anlagen seien wie ein Spiel mit dem Feuer, ließ er nach Angaben von t-online mitteilen. Die ständigen Experten der Wiener Behörde sind seit September 2022 vor Ort und überwachen den Zustand der sechs Reaktoren, die im Standby gehalten werden. Grossi verlangte nun einen Inspektionsbesuch unmittelbar im beschädigten Gebäudeteil, um Ausmaß und Ursache zu dokumentieren. Eine Antwort der russischen Werksleitung stand zunächst aus.

Mit einer Bruttoleistung von rund 6.000 Megawatt ist Saporischschja das größte Atomkraftwerk Europas. Seit der Besetzung durch russische Truppen wenige Wochen nach Beginn der Invasion im Februar 2022 verläuft der Betrieb in einem völkerrechtlich umstrittenen Schwebezustand. Strom liefert die Anlage seit Monaten nicht mehr ins Netz, ihre Kühlsysteme sind auf eine prekäre Versorgung aus dem Dnipro angewiesen, der Stausee von Kachowka war 2023 nach der Sprengung des Dammes weitgehend leergelaufen. Der jetzige Vorfall reiht sich in eine wachsende Zahl von Zwischenfällen ein, vor denen Grossi seit Kriegsbeginn warnt.