Wenn am Sonntagabend um 21 Uhr MESZ im MetLife Stadium der Ball rollt, stehen sich an den Seitenlinien zwei Männer gegenüber, die sich seit 2017 kennen und seither Freunde nennen. Luis de la Fuente war damals Ausbilder in der Trainerakademie des spanischen Verbands RFEF im Madrider Vorort Las Rozas. Sein Kursteilnehmer: ein 39-jähriger Argentinier, der seine Karriere gerade beendet hatte und mit dem Trainerhandwerk anfing. Sein Name: Lionel Scaloni.
Neun Jahre später führt der eine Spanien als Europameister ins WM-Finale, der andere verteidigt mit Argentinien den Titel von Katar. Die Konstellation ist im spanischsprachigen Fußball seit Tagen das dominierende Thema neben Messi und Yamal. Auf der Pressekonferenz am Freitag im Javits Center in Manhattan machte Scaloni daraus kein Geheimnis. „De la Fuente war mein Ausbilder im Trainerkurs. Das Schicksal wollte es, dass wir uns in einem Finale begegnen“, zitierte ihn Flashscore.
Er war mein Mentor und hat mir alles beigebracht, was ich weiß. Er leistet großartige Arbeit mit seiner Mannschaft, das freut mich sehr.
Die Bewunderung ist gegenseitig, und sie ist ungewöhnlich für zwei Trainer, die 90 Minuten später um den größten Titel des Sports spielen. De la Fuente sprach in den vergangenen Tagen öffentlich von seinem einstigen Schüler als „Meister“ - eine Umkehrung des Verhältnisses, die schon dadurch begründet ist, dass Scaloni Argentinien seit 2018 zu einer Copa America, einer Finalissima und dem WM-Titel 2022 geführt hat. „Luis war eine große Hilfe für jene, die den Trainerkurs absolvierten. Alles, was wir bei seinem Nationalteam sehen, hoffen wir, auch in unserem zu sehen“, sagte Scaloni, wie der ORF berichtet.
Wie die Verbindung entstand
Scaloni war 2015 im Trikot von RCD Mallorca zurückgetreten und wechselte bei FC Sevilla an die Seitenlinie, zunächst als Co-Trainer. In diese Phase fiel der Kurs des RFEF in Las Rozas, zu dem der Verband ehemalige Profis mit Blick auf die Pro-Lizenz einlud. De la Fuente, bis dahin Trainer diverser spanischer U-Auswahlen und später U19- sowie U21-Europameister, gab dort Unterricht. Aus dieser Woche entwickelte sich, wie Laola1 unter Berufung auf spanische Medien beschreibt, eine berufliche Freundschaft, die die beiden bis heute pflegen. Nach dem spanischen 2:0 gegen Frankreich am Dienstag sagte de la Fuente laut sport.ORF.at, er wäre „hocherfreut“, im Finale auf Argentinien und Scaloni zu treffen.
Die Nähe hat auch eine biografische Ebene. Scalonis Ehefrau Elisa Montero ist Spanierin, das Paar hat sich 2008 kennengelernt, die gemeinsamen Kinder wurden in Spanien geboren, die Familie lebt heute auf Mallorca. „Jeder weiß, dass ich in Spanien lebe, meine Familie dort ist. Aber am Sonntag tut es mir leid: Wir werden versuchen zu gewinnen“, sagte Scaloni auf der PK in New York, wie Flashscore protokolliert. Dass ausgerechnet er im Finale den Weltmeistertitel gegen die Nation seiner Familie verteidigen soll, ist die stille Fußnote dieses Endspiels.
Zwei Handschriften, ein Kurs
Sportlich verbindet die Handschrift der beiden Coaches mehr als der biografische Zufall vermuten lässt. Beide Teams stehen im Turnier für Ballbesitz, hohe Laufwege und ein diszipliniertes Pressing im Mittelfeld. Spanien ist seit 38 Pflichtspielen ungeschlagen, so lange wie keine europäische Nationalmannschaft vor ihr. Argentinien hat auf dem Weg ins Finale unter anderem England im Halbfinale mit 2:1 geschlagen. Wer immer am Sonntagabend die Trophäe hebt, wird sagen können, dass die andere Bank ihm einiges beigebracht hat. De la Fuente selbst hat es Scaloni gegenüber vorformuliert: „Er ist ein Meister.“
Das ZDF überträgt ab 19:30 Uhr, MagentaTV zeigt das Spiel bereits ab 18:30 Uhr in UHD. Anpfiff im MetLife Stadium ist um 21 Uhr MESZ.