Beim WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien am Mittwochabend im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta lastet mehr auf dem Spiel als 90 Minuten Fußball. Wenige Stunden vor dem Anpfiff um 21 Uhr MESZ versuchte Argentiniens Trainer Lionel Scaloni auf der Pressekonferenz, den Falkland-Krieg von 1982 aus dem Spiel herauszuhalten. „Wir denken an Argentinier, an Menschen, die wir im Krieg verloren haben. Aber das müssen wir von dem Spiel trennen“, sagte der 48-Jährige laut Tagesspiegel. Warum die aktuellen Profis für einen 44 Jahre zurückliegenden Konflikt gerade stehen sollten, sei ihm nicht klar: „Was haben die Spieler damit zu tun?“

Nur wenig später widersprach ihm die Vizepräsidentin des Landes öffentlich. Victoria Villarruel, ultrarechte Vertraute von Präsident Javier Milei und Tochter eines Falkland-Veteranen, schrieb auf der Plattform X, wie Al Jazeera dokumentiert: „Wir spielen gegen die Piraten-Usurpatoren. Das ist kein Spiel wie jedes andere.“ Sie werde nicht „politisch korrekt“ sein, gegen die Engländer gehe es „immer um mehr“. Es gehe um Malvinas, um Diego Maradona, um Messis letzten WM-Anlauf - „und darum, die Invasoren aufzuhalten“.

Die politische Aufladung überlagert eine ohnehin geschichtsträchtige Begegnung. Es ist erst das sechste WM-Duell beider Nationen und das erste seit 2002. 1986 im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt hatte Diego Maradona mit „Hand Gottes“ und Solo-Lauf beide Tore zum 2:1 erzielt, wenige Jahre nach dem Ende des von Argentiniens Militärjunta 1982 auf den Malvinas begonnenen Krieges, den Großbritannien nach 74 Tagen gewann. 1998 in Saint-Étienne wurde David Beckham nach einem Tritt gegen Diego Simeone vom Platz gestellt, Michael Owen erzielte im selben Spiel sein legendäres Solo-Tor. Über die politische Grundausgangslage vor dem heutigen Spiel hatten wir am Wochenende bereits berichtet.

Wir spielen gegen die Piraten-Usurpatoren. Das ist kein Spiel wie jedes andere.
- Victoria Villarruel, Vizepräsidentin Argentiniens, auf X

Auf dem Rasen

Sportlich nimmt Thomas Tuchel gegenüber dem 2:1 gegen Norwegen drei Änderungen vor, wie die Sportschau meldet. Reece James kehrt nach Oberschenkelverletzung auf die Rechtsverteidigerposition zurück, Djed Spence ersetzt links Nico O'Reilly, offensiv beginnt Morgan Rogers vor dem formschwachen Bukayo Saka. Kane und Bellingham sind gesetzt. Scaloni überrascht mit einem Wechsel im Zentrum: Rodrigo De Paul, jahrelang Messis Absicherer im Mittelfeld, sitzt zunächst auf der Bank. Für ihn beginnt Giuliano Simeone auf dem rechten Flügel. Vorne bilden Messi und Julian Alvarez, Torschütze des Verlängerungstreffers gegen die Schweiz, das Duo, Lautaro Martínez wartet als Joker.

Über den Umgang mit Messi hat sich Tuchel bereits vor der Partie deutlich geäußert. „Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, für ihn auf die gute alte Manndeckung zu setzen“, sagte der Bundestrainer laut t-online. „Es ist unglaublich, wie er das Team trägt. Er ist der Anführer und Schlüsselspieler dieser Mannschaft.“ Der 39-jährige Argentinier bestreitet in Atlanta sein voraussichtlich letztes WM-K.-o.-Spiel, sofern seine Mannschaft nicht ins Finale einzieht.

Als Schiedsrichter ist der 44-jährige US-Amerikaner Ismail Elfath eingeteilt, der bereits in der Vorrunde in der Kritik stand. Die ARD überträgt live. Der Sieger trifft am Sonntag im Endspiel in New York/New Jersey auf Spanien, das am Dienstag Frankreich mit 2:0 aus dem Turnier warf.