3sat hat am Freitagabend zur Hauptsendezeit die Kinoverfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ ausgestrahlt. Der Film aus dem Jahr 2021 mit Oliver Masucci und Albrecht Schuch lief zwischen 20:15 und 22 Uhr auf dem Kulturkanal und ist anschließend zeitlich befristet in der 3sat-Mediathek abrufbar.
Regisseur Philipp Stölzl setzt Zweigs Erzählung in ein doppelt geführtes Drama um. Masucci spielt den Wiener Notar Dr. Josef Bartok, der nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 von der Gestapo festgesetzt und in einem Luxushotel isoliert wird. Sein Verhörgegner Franz-Josef Böhm - Schuch in einer Doppelrolle - versucht, ihn durch sensorische Deprivation zu brechen und an die Zugangscodes aristokratischer Bankkonten zu gelangen. Ein zufällig entwendetes Schachlehrbuch wird für Bartok zum einzigen mentalen Rettungsanker.
Die Neuverfilmung wurde in der Kritik überwiegend positiv aufgenommen. Auf Rotten Tomatoes hält sie 88 Prozent bei den Kritikerstimmen und 78 Prozent im Publikums-Score, wie das Portal Watson auflistet. Der Filmdienst würdigt Stölzls Adaption als „ambitiöse, interpretatorisch vielschichtige Literaturverfilmung“, die den Stoff ins „Fantastisch-Psychotische“ erweitere. Die Abendzeitung München nannte den Film „sehenswert“, vor allem dank eines „fantastisch aufspielenden Oliver Masucci“. Nach dem Kinostart 2021 zog die Verfilmung rund 140.000 Zuschauer in die deutschen Säle.
Ich habe den Film im Kino gesehen, und als er zu Ende war, konnte sich im Publikum niemand mehr bewegen oder auch nur ein Wort sagen.
Zweigs letzter Text, geschrieben im brasilianischen Exil
Zweig verfasste die „Schachnovelle“ 1941 in Petrópolis, wohin er nach Zwischenstationen in London und New York geflohen war. Es sollte sein letzter abgeschlossener Text bleiben. Im Februar 1942 nahmen sich der aus Wien vertriebene Autor und seine Frau Lotte gemeinsam das Leben, die Erzählung erschien im Dezember desselben Jahres posthum. Die Figur des inhaftierten Bartok speist sich unter anderem aus dem realen Fall des Bankiers Louis Rothschild, den die Gestapo 1938 monatelang im Wiener Hotel Métropole festgehalten hatte, wie Watson unter Berufung auf zeithistorische Vorlagen berichtet.
Für Stölzl - bekannt für „Nordwand“ und die Musical-Verfilmung „Der Medicus“ - ist die Neufassung eine bewusst filmische Zuspitzung. ChessBase, das die Adaption 2023 anlässlich einer ARD-Ausstrahlung besprach, nannte den Film „einen Psychothriller in Hollywoodmanier“; einzelne Schachfans hätten die Umsetzung als zu grelle Thrillermechanik kritisiert. Gelobt wurden hingegen die düstere Atmosphäre und die Kameraarbeit von Thomas W. Kiennast. Neben Masucci und Schuch spielen unter anderem Birgit Minichmayr, Samuel Finzi und Rolf Lassgård.
Für die öffentlich-rechtlichen Sender ist die „Schachnovelle“ damit eine der Produktionen, die in schneller Wiederholungsfolge laufen: Das Erste hatte die Adaption bereits im Sommer 2023 zur Hauptsendezeit gezeigt. Die aktuelle Mediathek-Verfügbarkeit auf 3sat dürfte die Aufmerksamkeit für Zweigs Vorlage in den kommenden Tagen weiter aufrechterhalten.