Großbritannien hat erstmals einen Öltanker der russischen Schattenflotte im Ärmelkanal geentert. Wie Premier Keir Starmer und das Verteidigungsministerium am Sonntag mitteilten, stoppten Royal-Marine-Kommandos und Spezialfahnder der National Crime Agency in den frühen Morgenstunden des 14. Juni den 244 Meter langen Tanker „Smyrtos“. Das unter der Flagge Kameruns fahrende Schiff war aus einem russischen Hafen ausgelaufen und sollte den Kanal passieren. Die Operation dauerte rund sechs Stunden, der Tanker liegt nun an der britischen Südküste fest und wird nach Angaben des Ministeriums auf Umwelt- und Sicherheitsmängel überprüft.

An dem Einsatz waren laut britischem Verteidigungsministerium die Fregatte HMS Sutherland, das Minenjagdboot HMS Ledbury, ein P-8-Aufklärungsflugzeug der Royal Air Force sowie Helikopter der Maritime Air Group beteiligt. Starmer habe den Befehl persönlich gegeben, bestätigte Downing Street. Koordiniert wurde die Aktion mit Frankreich, das zwei Wochen zuvor in Begleitung der Royal Navy einen russischen Tanker im Atlantik inspiziert hatte. „Russland finanziert seinen Konflikt in der Ukraine mit seiner Schattenflotte, und unser Abfangen ist ein Schlag gegen Putins illegalen Krieg“, erklärte Verteidigungsminister Dan Jarvis in einer Mitteilung. Aus dem Ministerium hieß es zum Status des Schiffes: „Das Schiff wird nun vor der Südküste festgehalten und überwacht, während die Ermittlungen andauern.“

Russland finanziert seinen Konflikt in der Ukraine mit seiner Schattenflotte, und unser Abfangen ist ein Schlag gegen Putins illegalen Krieg.
- Dan Jarvis, britischer Verteidigungsminister

Mehr als 700 Schiffe im Verdacht

Als Schattenflotte bezeichnen westliche Geheimdienste eine Gruppe von inzwischen mehr als 700 alternden Tankern, die unter Drittlandsflaggen, häufig Kamerun, Panama oder den Cookinseln, russisches Öl an den westlichen Sanktionen vorbei transportieren. Brüssel und London hatten ihre Befugnisse im Frühjahr ausgeweitet, um Schiffe mit unklaren Versicherungen oder verdächtigen Routen aufbringen zu können. Das Vorgehen gegen die „Smyrtos“ ist nach Angaben des Verteidigungsministeriums das erste seiner Art unter britischer Führung - die französische Marine hatte Anfang Juni einen vergleichbaren Stopp im Mittelmeer durchgeführt.

Aus Moskau kam scharfer Protest. Solche Aktionen grenzten an „internationale Piraterie“, zitierten russische Staatsmedien den Kreml. Eine offizielle Reaktion der Reederei oder aus Kamerun lag zunächst nicht vor. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der am Dienstag beim G7-Gipfel in Évian erwartet wird, hatte die Operation in einer ersten Reaktion begrüßt und gefordert, die EU müsse die rechtlichen Grundlagen schaffen, damit Tankerladungen nicht nur kontrolliert, sondern beschlagnahmt werden können. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich am Wochenende in Évian dafür ausgesprochen, die Schattenflotte stärker ins Visier zu nehmen, ohne sich zu dem britischen Einsatz konkret zu äußern.

Wirtschaftlich trifft Moskau jeder gestoppte Tanker an einer empfindlichen Stelle: Über die Schattenflotte fließen Schätzungen zufolge mehrere Milliarden Dollar an Öleinnahmen pro Monat in den russischen Haushalt. Westliche Versicherer haben sich aus dem Geschäft längst zurückgezogen, viele Schiffe fahren ohne ausreichende Haftpflichtdeckung - was die Royal Navy nun zur Begründung für die Inspektion herangezogen hat. Wie lange die „Smyrtos“ vor der englischen Küste festgehalten wird, ist offen. Das Ministerium nannte keinen Zeitrahmen für den Abschluss der Ermittlungen.