Arte hat am Freitagabend um 20.15 Uhr die Fernseh-Premiere von Francis Meletzkys „Schimmelreiter“-Verfilmung gezeigt. Der 105-minütige Film verlegt Theodor Storms Novelle von 1888 in die Gegenwart Nordfrieslands und bindet sie an die Klimakrise. Zuvor lief die Produktion seit dem 5. Februar in den deutschen Kinos; in der Arte-Mediathek ist sie bis zum 25. Oktober abrufbar.
Hauke Haien, gespielt vom Schweizer Max Hubacher, übernimmt nach dem Tod seines Schwiegervaters zwei Ämter zugleich: Deichgraf und Direktor des Küstenschutzes. Statt neues Land dem Meer abzuringen, wie in der Vorlage, will er den ersten Deich zurücknehmen und eine zweite Linie kontrolliert fluten lassen - ein Puffer gegen den steigenden Meeresspiegel. Im Dorf stößt er auf Widerstand: Bürgermeister Ole Petersen (Nico Holonics) und Landrätin Manners (Annette Frier) verweigern die Zustimmung, seine Frau Elke, eine Meeresforscherin (Olga von Luckwald), hält zu ihm.
Vom Deichgrafen zur Klima-Kassandra
Meletzky, die seit 2017 nicht mehr im Kino vertreten war, hat die Dreharbeiten laut Filmdienst an der niedersächsischen Nordseeküste bei Schillig angesiedelt. Der Film hält am „Typus des katastrophal scheiternden Visionärs“ fest, wie der Filmdienst schreibt, und liest die Novelle ausdrücklich als politische Fabel: Wer die Warnung nicht hören will, zahlt am Ende den Preis. Aus Wienke, Haiens Tochter, macht das Drehbuch von Léonie-Claire Breinersdorfer eine kindliche Klima-Kassandra - eine Umdeutung der Figur, die bei Storm als geistig zurückgeblieben angelegt war.
Das kommt dann doch reichlich pathetisch, konstruiert und mit dem pädagogischen Zeigefinger daher.
Die Kritik ist gespalten. Die Abendzeitung wirft dem Film zu viel Symbolik vor: Dunkle Wolken, aufgewühlte Wellen und der weiße Schimmel würden die Bedrohung nicht subtil, sondern penetrant vortragen. epd Film vergibt drei von fünf Sternen und schreibt, das Klimadrama „unterfordert das Publikum“ mit seiner didaktischen Botschaft. Freundlicher liest der katholische Mediendienst KNA den Übergang der Epochen: Meletzky meistere ihn „durchaus überzeugend“, die Frage bleibe aber, ob ein scheiternder Protagonist das richtige Vorbild für die drängenden Fragen der Menschheit sei.
Für Hubacher, der zuletzt vor allem in Schweizer und deutschen Charakterrollen zu sehen war, ist der Deichgraf eine Titelfigur mit Rissen: verbissen, konfrontativ, ein Visionär ohne Gefolgschaft. Annette Frier, sonst eher aus Komödien bekannt, spielt die Landrätin als abwägende Verwaltungspolitikerin. Storms Novelle, seit ihrer Erstveröffentlichung 1888 mehrfach verfilmt, hat mit dieser Fassung erstmals das Feld der Klimakommunikation betreten - und muss sich am Vorwurf messen lassen, den Stoff dabei zu enteignen.