Es brauchte exakt 70 Sekunden, um die Gruppe C neu zu ordnen. Brahim Díaz flankte von rechts, Ismael Saibari nahm den Ball an der Strafraumkante an und drosch ihn aus halbrechter Position unbedrängt ins lange Eck. 0:1 im Gillette Stadium in Foxborough, schnellstes Tor dieser WM, und der Auftakt zu einem Spiel, in dem Schottland nie wirklich ankam. Wie wir gestern berichteten, hatte Steve Clarke vor der Partie das Underdog-Spiel souverän verkauft. Nach 90 Minuten ist klar: Marokko übernimmt mit vier Punkten die Gruppenspitze, Schottland bleibt bei drei und muss am letzten Spieltag gegen Brasilien liefern.
Den Treffer hatte Saibari, der nach dem Turnier von der PSV Eindhoven zum FC Bayern wechselt, mit einem wuchtigen Rechtsschuss vollendet, beschreibt es der Spielbericht von fussballnationalmannschaft.net. Es war bereits sein zweiter WM-Treffer nach dem Lupfer über Alisson beim 1:1 gegen Brasilien. Marokko verwaltete früh: Achraf Hakimi schob auf rechts auf, Brahim Díaz und Azzedine Ounahi kontrollierten das Zentrum, El Khannouss zerstörte mit jedem Antritt schottische Aufbauversuche. Nach 25 Minuten hätte es 0:2 stehen können, El Khannouss zielte aus zwölf Metern knapp daneben. Clarke ließ Robertson ungewöhnlich tief stehen und nahm damit Schottlands wichtigste Angriffsquelle aus dem Spiel - ein Tribut an Hakimis Tempo, der das Spiel gleichzeitig erstickte.
In der 49. Minute kam Schottland dem Ausgleich näher als ihm lieb war: John McGinn stürzte nach einem Kontakt im Strafraum, Tartan-Army-Trainer Clarke sprang von der Bank, doch der usbekische Schiedsrichter Il'giz Tantashev ließ weiterlaufen. Über die Szene wird in Glasgow noch debattiert werden, eine klassische Elfmetersituation war es nicht. Schottland warf alles nach vorn, Lyndon Dykes kam für Adams, Ben Doak für Christie, Tierney brachte spät noch eine Halbchance, doch Bono war stets zur Stelle. Marokko verteidigte in den Schlussminuten mit der Routine eines Halbfinalisten von 2022, ohne dass es spektakulär aussah.
Wir sind hier, um sehr weit zu kommen. Unser Ziel ist das Finale.
Hakimi-Pfiffe und ein Tabellenbild, das zählt
Eine Begleitnotiz, die in der deutschen Berichterstattung wenig Beachtung fand: Achraf Hakimi musste bei jeder Ballberührung Pfiffe der schottischen Fans einstecken. Der marokkanische Kapitän verantwortet sich derzeit in Frankreich vor einem Berufungsgericht wegen Vergewaltigungsvorwürfen, die er bestreitet. Dass die Tartan Army das Thema bis nach Massachusetts trug, war eine politische Geste, die wenig mit Fußball zu tun hatte. Hakimi blieb in seinen Aktionen abgeklärt, traf in der 67. Minute mit einem Distanzschuss nur den Pfosten.
Was bleibt für beide Teams
Die Tabelle nach dem zweiten Spieltag der Gruppe C: Marokko und Brasilien stehen punktgleich an der Spitze, beide mit vier Zählern, Marokko in der besseren Torbilanz. Schottland folgt mit drei Punkten, Haiti hat noch keinen. Ein Punkt am Mittwoch gegen Haiti reicht Marokko für das Sechzehntelfinale, das im erweiterten 48er-Modus eine zusätzliche K.-o.-Runde vor dem klassischen Achtelfinale ist. Schottland steht gegen Brasilien unter Zugzwang: Bei einem Sieg ist die Tartan Army erstmals seit der Mexiko-WM 1986 in einer K.-o.-Runde dabei, bei einem Remis hängt sie an der Konstellation der drittplatzierten Teams. „Wir hätten uns mehr gewünscht, aber wir haben jetzt ein Endspiel“, sagte Clarke nach Abpfiff in Foxborough. Saibari, der Bayern-Neuzugang, ließ sich derweil im Innenraum von Sportschau-Reportern feiern: „Es war ein riesiges Spiel für uns. Wir wollten zeigen, dass 2022 kein Zufall war.“