Die nüchterne Tabelle stellt das Spiel auf den Kopf: Schottland steht in Gruppe C nach 1:0 gegen Haiti an der Spitze, Marokko mit 1:1 gegen Brasilien hinterher. In der Nacht zu Samstag (00:00 Uhr MESZ, MagentaTV) treffen die beiden Teams im Gillette Stadium in Foxborough aufeinander, dem Heimstadion der New England Patriots vor den Toren Bostons. Pfeift Il'giz Tantashev aus Usbekistan ein zweites schottisches Erfolgserlebnis ein, hat Steve Clarkes Auswahl das Achtelfinale faktisch sicher. Verliert sie, drohen Brasilien und die Atlas-Löwen wieder an ihr vorbeizuziehen.

Clarke selbst spielt das Underdog-Spiel souverän. Auf der Pressekonferenz am Donnerstag in Foxborough sagte er nach Angaben der Agentur Hayters über den Gegner: „I think the current Morocco squad is slightly better than the one that reached the semi-finals of the 2022 World Cup.“ Sein Team sei „a little bit more comfortable when we're the underdogs“. Hinter der höflichen Floskel steckt eine reale Lageeinschätzung. Marokkos Kader hat mit Achraf Hakimi (PSG, 96 Länderspiele), Brahim Díaz (Real Madrid) und PSV-Star Ismael Saibari mehr individuelle Klasse, als Schottland aufbieten kann. Mit Scott McTominay (Napoli) steht der einzige Schotte über 30 Millionen Euro Marktwert auf der voraussichtlichen Liste.

Im Detail dürfte Clarke nach Angaben von Sportschau und OneFootball am 4-4-2 vom Auftaktspiel festhalten: Gunn im Tor, davor Hickey, Hendry, Hanley und Kapitän Andy Robertson, im Mittelfeld Ben Gannon-Doak, McTominay, Ferguson und John McGinn, vorn Lawrence Shankland mit Che Adams. McGinns abgefälschtes 1:0 in der 28. Minute gegen Haiti war Schottlands erster WM-Siegtreffer seit dem 2:1 gegen Schweden 1990. McTominay traf in derselben Phase nur den Pfosten. Personell muss Clarke einzig hinter Scott McKenna (Wadenprobleme) ein Fragezeichen setzen.

Marokko ohne Ziyech, mit neuem Trainer

Auf der Bank gegenüber sitzt nicht mehr Walid Regragui, der Marokko 2022 ins WM-Halbfinale geführt hatte. Seit dem Frühjahr verantwortet Mohamed Ouahbi (49) die A-Nationalmannschaft, der zuvor mit Marokkos U20 die Junioren-Weltmeisterschaft gewonnen hatte. Mit ihm sind Hakim Ziyech und Youssef En-Nesyri aus dem Aufgebot gefallen. Die Aufstellung gegen Brasilien hatte Bounou im Tor, eine Viererkette mit Hakimi, Diop, Riad und Mazraoui, davor El Aynaoui und Bouaddi als Doppelsechs, dahinter Brahim Díaz, Ounahi und El Khannouss hinter Saibari. Eine Rotation gilt nach dem Pflichtremis als unwahrscheinlich; Aguerd und Ezzalzouli waren verletzt nicht dabei.

Ich freue mich sehr, wenn Vertreter Marokkos in großen Vereinen spielen können. Bayern München gehört selbstverständlich dazu.
- Mohamed Ouahbi auf der Marokko-Pressekonferenz, zitiert via Sport1

Saibari, der Brasilien-Held mit dem Lupfer über Alisson, geht für deutsche Beobachter mit doppeltem Etikett ins Spiel. Der 25-Jährige wechselt nach dem Turnier von der PSV Eindhoven zum FC Bayern. Den Transfer hat Ouahbi auf der PK in Foxborough offen kommentiert: „Ich freue mich sehr, wenn Vertreter Marokkos in großen Vereinen spielen können. Bayern München gehört selbstverständlich dazu“, sagte er laut Sport1. „Er versteht, dass die Priorität im Moment auf Marokko liegt.“ Saibari selbst formulierte das Turnierziel klar: „Wir sind hier, um sehr weit zu kommen. Unser Ziel ist das Finale“, zitiert ihn Eurosport.

Hakimi gegen Robertson - das Duell auf dem Flügel

Taktisch entscheidet das Spiel sich vermutlich auf der schottischen linken Seite. Hakimi treibt rechts auf, Robertson soll links absichern und gleichzeitig Schottlands wichtigster Konterstarter sein. Hält Clarke seinen Kapitän tief, verzichtet er auf Tempo nach vorn. Lässt er ihn nach vorn, droht ein Konterloch hinter Robertson, in das Hakimi und Saibari hineinlaufen. Marokko-Trainer Ouahbi hatte schon vor dem Brasilien-Spiel gesagt: „Die Schwingungen sind positiv, wir sind sehr zuversichtlich. Wir müssen mit unseren Qualitäten spielen und an uns glauben.“ Das war damals ein Punkt. Am Samstagmorgen mitteleuropäischer Zeit reicht das nicht mehr.

Bemerkenswert bleibt der historische Rahmen: Beim einzigen WM-Duell der beiden Nationen 1998 in Saint-Étienne fertigte Marokko Schottland 3:0 ab, beide Teams schieden in der Vorrunde aus. 28 Jahre später treffen sich beide wieder im selben Turnier - mit dem Unterschied, dass diesmal Schottland im Vorteil ist. Sollte die Tartan Army ein zweites Mal in Schulbussen zum Stadion ziehen, wie es die Sportschau vom Haiti-Spiel berichtete, könnte erstmals seit 1974 ein schottisches Team über die WM-Gruppenphase hinauskommen.