Die Schufa führt neben ihrem offiziellen Bestand offenbar eine zweite, öffentlich nicht ausgewiesene Datenbank mit historischen Bonitätsdaten. Das berichteten NDR und Süddeutsche Zeitung am Mittwoch nach einer gemeinsamen Recherche. Betroffen sein sollen bis zu 68 Millionen Menschen - nach Angaben eines Schufa-Sprechers gegenüber den Rechercheteams praktisch jede und jeder, über den die Auskunftei jemals Daten erhoben hat.

In dem Speicher liegen den Berichten zufolge alte Kredite und Kreditkartendaten, Pfändungen, Privatinsolvenzen sowie Schulden, die Verbraucherinnen und Verbraucher längst beglichen haben. Die Datensätze reichen bis zu zehn Jahre zurück. Auf schriftliche Selbstauskunftsanträge weist die Schufa diese Informationen nicht aus - obwohl Betroffene sie dort erwarten dürften.

Wie NDR und Süddeutsche berichten, können Vertragspartner der Schufa - Banken, Energieversorger, Onlinehändler und Kreditvermittler - über den Datenbestand historische Scores abrufen. Genutzt werden diese Werte laut Schufa ausschließlich zur Prüfung und Weiterentwicklung neuer Bewertungsmodelle. Mehrere Unternehmen räumten gegenüber den Recherchierenden jedoch ein, tatsächlich mit den alten Werten zu arbeiten.

Datenschutzbeauftragter prüft seit über einem Jahr

Der Hessische Datenschutzbeauftragte, in dessen Zuständigkeit die in Wiesbaden ansässige Schufa Holding AG fällt, befasst sich nach eigenen Angaben bereits seit dem Frühjahr 2025 mit dem Bestand. In einem laufenden Hinweisverfahren klärt die Behörde, ob die Auskunftei ihre Kundinnen und Kunden über die Speicherung informieren muss. Zu Inhalten oder einem möglichen Ergebnis äußerte sich die Behörde bislang nicht.

Juristische Kritik kommt von der Universität Bayreuth. „Historische Scores geben einen gewissen Einblick in die finanzielle Situation der betroffenen Personen in der Vergangenheit. Das geht die Vertragspartnerinnen der Schufa schlichtweg überhaupt nichts an“, zitiert der NDR die Rechtswissenschaftlerin Ruth Janal. Eine dauerhafte Vorratsspeicherung solcher Daten für unbestimmte künftige Zwecke sei nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs unzulässig.

Historische Scores geben einen gewissen Einblick in die finanzielle Situation der betroffenen Personen in der Vergangenheit. Das geht die Vertragspartnerinnen der Schufa schlichtweg überhaupt nichts an.
- Ruth Janal, Universität Bayreuth, im NDR

Schufa verweist auf Testzwecke

Die Schufa selbst spricht nicht von einer Schattendatenbank. Historische Daten würden „zu Datenschutzkontroll-, Test-, Entwicklungs- und Rechtsverteidigungszwecken“ gespeichert, heißt es in der Stellungnahme der Auskunftei. Ein Sprecher sagte den Recherchierenden zudem: „Verbraucherinnen und Verbraucher wollen vor allem wissen, wie es aktuell um ihre Bonität steht.“ Die Speicherung diene der internen Risikokalkulation, Details seien vertraulich.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband warnt vor Missbrauch: Sobald historische Werte einmal an Vertragspartner ausgeliefert würden, entstehe die Versuchung, sie über die Testzwecke hinaus für konkrete Kreditentscheidungen zu nutzen, wie die t-online-Redaktion Claudio Zeitz-Brandmeyer vom vzbv zitiert. Die Netzorganisation AlgorithmWatch startete am Mittwoch eine Petition mit der Forderung, den Bestand sofort zu löschen; sie kam noch am gleichen Tag über 10.000 Unterschriften.

Für die Schufa fällt der neue Konflikt in eine ohnehin sensible Phase. Erst im März stellte die Auskunftei ein neues, transparenter angelegtes Score-Modell mit zwölf offengelegten Kriterien vor. Der Bundesgerichtshof hatte im Juni bekräftigt, dass Betroffene Anspruch auf Auskunft über die zu ihnen gespeicherten Daten haben. Bestätigt sich der Vorwurf einer separaten Bevorratung, drohen laut Datenschutzrecht Bußgelder von bis zu 20 Millionen Euro.