Nach der Reichstagswahl in Schweden vom Sonntag zeichnet sich ein extrem knappes Ergebnis ab. Nach Auszählung von rund 94 Prozent der Stimmen führt das oppositionelle Mitte-Links-Bündnis um Sozialdemokratin Magdalena Andersson mit 176 zu 173 Sitzen vor dem Regierungslager von Ministerpräsident Ulf Kristersson. Zwischen beiden Blöcken liegen laut schwedischer Wahlbehörde nur rund 28.600 Stimmen. Ein endgültiges Ergebnis wird erst am Mittwoch erwartet, wenn die letzten Auslandsstimmen und verspätet eingegangene Briefwahlunterlagen ausgezählt sind.

Die Sozialdemokraten bleiben mit 28,1 Prozent stärkste Kraft, verzeichnen aber ihr schlechtestes Ergebnis in der Parteigeschichte. Kristerssons konservative Moderaterna kommen auf rund 19,9 Prozent. Klarer Verlierer des Abends sind die rechtspopulistischen Schwedendemokraten von Jimmie Åkesson: Sie fallen von 20,5 auf etwa 17,6 Prozent und erleiden damit erstmals seit ihrem Einzug ins Parlament einen deutlichen Rückschlag. Auch die Linkspartei und die Grünen legten leicht zu, was Anderssons Bündnis den knappen Vorsprung sicherte.

Koalitionsrechnung ohne Mehrheit

Damit steht Schweden vor einer schwierigen Regierungsbildung. Andersson braucht Linkspartei, Zentrum und Grüne zusammen - eine Konstellation, die in Sachfragen bislang zerstritten war. Die Linkspartei lehnt eine Zusammenarbeit mit der wirtschaftsliberalen Zentrumspartei ab. Ohne beide reicht es rechnerisch nicht. Kristersson wiederum hat bereits angekündigt, die Zentrumspartei aus dem Oppositionslager zurück in eine bürgerliche Koalition holen zu wollen, wie der Tagesspiegel berichtet.

„Es gibt eine sehr klare nicht-sozialistische und wirtschaftspolitisch nicht-linke Mehrheit im Parlament“, sagte Kristersson in einer ersten Stellungnahme in der Wahlnacht. Andersson konterte auf ihrer Wahlparty in Stockholm: „Es gibt gute Gründe, in der schwedischen Politik einen neuen Geist der Zusammenarbeit zu suchen.“ Beide Formulierungen deuten auf lange Sondierungen und mögliche Blockübergänge hin - historisch waren rund 70 Prozent der schwedischen Nachkriegsregierungen Minderheitskabinette.

Schweden bleibt gespalten und politisch gelähmt.
- Tagesspiegel-Analyse, 15. September 2026

Was noch offen ist

Die entscheidende Auszählung findet am Mittwoch statt. Erst dann wird feststehen, ob die drei-Sitze-Führung der Opposition Bestand hat oder ob sich das Verhältnis noch verschiebt. Bereits jetzt zeichnet sich in Kommentaren der schwedischen Presse ab, dass sich die Verhandlungen um eine tragfähige Regierung über Wochen hinziehen dürften. Die ZDFheute-Auslandsredaktion verweist darauf, dass die Zentrumspartei als Zünglein an der Waage in beide Richtungen springen könnte.

Für die deutsche Politik ist der Ausgang von Bedeutung, weil Stockholm bislang zu den Verbündeten Berlins in EU- und Nato-Fragen zählte. Kristersson hatte den Nato-Beitritt Schwedens 2024 mitgetragen und die Ukraine-Hilfen ausgeweitet. Ein möglicher Regierungswechsel unter Andersson würde den Kurs voraussichtlich fortsetzen, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in einer ersten Einordnung schreibt - allerdings mit stärkerem Fokus auf Sozial- und Klimapolitik.