Bastian Schweinsteiger hat nach der 0:1-Heimniederlage der DFB-Elf gegen Griechenland am Sonntagabend in Augsburg für die schärfste Analyse des Wochenendes gesorgt. Als ARD-Experte an der Seite von Moderatorin Esther Sedlaczek stellte der Weltmeister von 2014 den Zustand der Nationalmannschaft grundsätzlich in Frage. „Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen“, sagte Schweinsteiger in der ARD-Nachbetrachtung. Der Satz dominiert seit Montagmorgen die deutschen Sportmedien, von Kicker über Sport1 bis zur Abendzeitung München.
Wie wir am Sonntagabend berichteten, hatte Jürgen Klopp sein Heim-Debüt als Bundestrainer mit einer Rotation und vier Debütanten begonnen und war an einem tief stehenden griechischen Gegner gescheitert. Schweinsteigers Kritik zielt allerdings nicht auf die Aufstellung, sondern auf die Kadertiefe. „Wir haben nicht mehr die Spieler, die den Unterschied ausmachen“, so der 41-Jährige. Als Vergleich nannte er die griechischen Akteure Konstantinos Karetsas, Christos Tzolis und Evangelos Pavlidis: „Das waren Unterschiedsspieler für mich. Die haben wir halt nicht.“ Nur Joshua Kimmich könne im deutschen Team kreative Pässe spielen, warnte Schweinsteiger. „Wenn er nicht da ist, wird es schwierig.“
Kimmich selbst bestätigte die Analyse in seinem eigenen Interview nach dem Spiel in Teilen. „Dementsprechend sind wir aktuell kein Topteam“, sagte der Kapitän, wie die Abendzeitung München festhielt. Innenverteidiger Jonathan Tah wich der Grundsatzdebatte aus und verwies auf den Neustart unter Klopp; die Rhein-Zeitung zitierte ihn mit den Worten, das sei „kein leichtes Spiel“ gewesen und man habe „einfach nicht gut genug gespielt“.
Jürgen Klopp ist in der Findungsphase. Er ist jetzt nicht der Zauberer. Du kannst von der Mannschaft nicht erwarten, dass sie hier mit 4:0 und dominierend gegen Griechenland vom Platz geht.
Klopp verteidigt sich, ohne zu beschönigen
Der Bundestrainer selbst bezog Position, ohne die Debatte kleinzureden. „In Sack und Asche müssen sie nicht gehen. Wir werden den Weg weitergehen“, sagte Klopp gegenüber der ARD und wiederholte laut ZDFheute: „Lieber ein schlechter Start als ein schlechtes Ende: Wir werden uns finden und alles wird sich zusammenfügen.“ Bemerkenswert war seine Einordnung der Grundsituation. „Der deutsche Fußball ist nicht in bester Verfassung“, räumte Klopp ein. Und weiter: „Dass Jürgen Klopp nicht mit Handauflegen alle Probleme löst - ich wusste das vorher.“ Zum Gegentor sagte er, das habe er „schon sehr ungern bekommen“, die Griechen hätten „ein Drecksding reinwurschteln“ können.
Sportlich bleibt die Ausgangslage nach zwei Spieltagen der Nations-League-Gruppe 2 unverändert brenzlig: Deutschland liegt mit einem Punkt auf Platz drei, Griechenland führt mit sechs Zählern. Am Donnerstag empfängt die DFB-Elf Serbien in München, am 4. Oktober folgt das Rückspiel in Thessaloniki. Klopp wies auf die spielerische Kernaufgabe hin: „Es ist die schwerste Aufgabe im Fußball überhaupt, gegen einen tiefen Block anzuspielen.“ Schweinsteiger ordnete die Trainerdiskussion trotz seiner harten Worte ein: Zwei Länderspiele reichten nicht für ein Urteil über Klopp - die Debatte um die Substanz des Kaders aber führt der Rekordspieler mit voller Absicht.
Die WM 2026 beginnt am 11. Juni. Bis dahin wird der Bundestrainer neun Länderspielansetzungen haben, um die von Schweinsteiger vermisste Klarheit im letzten Drittel und die Verteidigung gegen tiefe Gegner zu bearbeiten. Die Diskussion nach Augsburg zeigt, wie wenig Kredit dem Neustart im deutschen Fußball noch gegeben wird - selbst mit einem Trainer, der noch vor drei Monaten als Rettung galt.