Nach einem rechtlichen Wechselbad hat Tennessee am späten Mittwochabend doch noch versucht, Christa Gail Pike hinzurichten - und ist dabei erneut gescheitert. Wie wir am Mittwochnachmittag berichteten, hatte zunächst das 6. Bundesberufungsgericht in Cincinnati die Vollstreckung rund eine Stunde vor dem geplanten Termin per 2:1-Votum gestoppt. Keine zwei Stunden später hob der Supreme Court in Washington diesen Aufschub wieder auf. Beim Vollzug im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville versagte dann die Giftspritze: Nach zwei Dosen Pentobarbital war Pike nach Angaben ihrer Anwälte noch bei Bewusstsein. Die Vollzugsbehörde ließ sie in ein Krankenhaus bringen.
Die Mehrheit des Obersten Gerichts entschied gegen die drei liberalen Richterinnen Sonia Sotomayor, Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson. Sotomayor schrieb in ihrem Minderheitsvotum, sie sehe „keinen Grund dafür, den üblichen Weg dieser Überprüfung zu umgehen, insbesondere angesichts der schwerwiegenden Folgen einer fehlerhaften Entscheidung“. Die Generalstaatsanwaltschaft Tennessees unter Jonathan Skrmetti hatte argumentiert, der Berufungs-Aufschub belohne „hinhaltende Verzögerungstaktik“ der Verurteilten. Die neun Richter folgten dieser Linie und machten den Weg frei - für eine Vollstreckung, die wenige Stunden später aus dem Ruder lief.
Nach Angaben der Medienzeugen öffnete sich der Sichtvorhang zur Hinrichtungskammer um 19:26 Uhr Ortszeit, danach ging er mehrfach zu und wieder auf, zuletzt endgültig um 20:06 Uhr. Um 20:26 Uhr berichteten die Zeugen laut der Nachrichtenagentur dpa, „dass die Vollstrecker beide Spritzen mit den tödlichen Chemikalien injiziert hätten und Pike noch am Leben sei und schnarche“. WVLT-Reporter Will Puckett beschrieb das Geräusch gegenüber seinem Sender als „heavy snoring - das Beste, was wir Ihnen beschreiben können“. Der Nashville Banner zufolge soll Pike zuvor über Schmerzen geklagt und zu den Beamten gesagt haben, es fühle sich an, „als würde die Vene in meinem Arm gleich platzen“.
Sie hat immer noch nicht das Bewusstsein verloren, sie hat nach wie vor Puls und atmet hörbar.
Um 20:53 Uhr wurden die Zeugen aus dem Gefängnis geleitet. Nach Angaben des zuständigen Bundesrichters Kyle Hixson ordnete die Vollzugsbehörde medizinische Notfallversorgung und den Krankenhaustransport Pikes an. In einer kurzen Mitteilung bestätigte das Büro Skrmettis dem Gericht, Pike sei „in ein Krankenhaus gebracht worden, wo sie medizinisch versorgt wird“. Weitere Angaben zu ihrem Zustand machte der Staat zunächst nicht. Pikes Verteidiger reichten in der Nacht einen zweiten Eilantrag beim Supreme Court ein, um jede weitere Hinrichtung zu stoppen - mit dem Argument, Pike erleide „unnötige Qualen“ und ihr werde das verfassungsmäßige Verbot „grausamer und ungewöhnlicher“ Strafen verweigert.
Zweiter Pannen-Vollzug und ein ungelöstes Protokoll
Pikes Anwalt Luke Ihnen zog spät am Abend eine knappe Bilanz, zitiert von NBC News: „An diesem Abend ist der Staat Tennessee erneut daran gescheitert, eine rechtmäßig verhängte Strafe zu vollstrecken.“ Pike wäre die erste Frau gewesen, die in Tennessee seit mehr als 200 Jahren hingerichtet worden wäre. Die Verurteilte hatte 1995 in Knoxville ihre damals 19-jährige Mitschülerin Colleen Slemmer getötet; in den Körper des Opfers war ein Pentagramm eingeritzt gewesen. Pike war zur Tatzeit 18 Jahre alt, das Todesurteil erging 1996.
Ob und wann Tennessee einen neuen Termin ansetzt, blieb am Donnerstagmorgen deutscher Zeit offen. Noch in der Nacht meldeten sich US-Mediziner zu Wort: Die National Public Radio zitierte Fachleute, die der Behörde vorwarfen, mit dem geltenden Vollstreckungsprotokoll gegen die ärztliche Ethik zu verstoßen - vor allem fehle ein belastbarer klinischer Standard, um Bewusstlosigkeit vor der zweiten Spritze zu überprüfen. May Martinez, die Mutter des ermordeten Opfers Colleen Slemmer, die eigens aus Florida angereist war, verließ das Gefängnis laut Nashville Banner in der Nacht wortlos.