Wolodymyr Selenskyj hat am Dienstagabend den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Syrskyj, entlassen. Nachfolger wird Generalmajor Mychajlo Drapatyj, 43, der zuletzt das Kommando der Vereinigten Kräfte führte. Selenskyj teilte den Wechsel in seiner Abendansprache und über Telegram mit. Der 43-Jährige ist nach Walerij Saluschnyj und Syrskyj der dritte Armeechef seit dem russischen Überfall im Februar 2022.

Der Schritt folgt auf sechs aufeinanderfolgende Tage Protest in Kiew und anderen Städten. Tausende, überwiegend junge Menschen, hatten nach der Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow in der Vorwoche die Rückkehr des 35-Jährigen und den Abgang Syrskyjs gefordert. Fedorow, zuvor Digitalminister und im Januar 2026 an die Spitze des Verteidigungsressorts gerückt, gilt in westlichen Hauptstädten als Motor der ukrainischen Drohnenoffensive. Er lag mit Syrskyj offen im Streit über die Kriegsführung: Fedorow drängte auf Technologie und den Ersatz von Infanterie durch unbemannte Systeme, Syrskyj hielt an einer klassischen, sowjetisch geprägten Doktrin fest.

Die Armee braucht Veränderungen, aber ohne Gerechtigkeit sind Veränderungen für die Menschen sinnlos, die diesen Krieg jeden Tag auf ihren Schultern tragen.
- Mychajlo Drapatyj, neuer ukrainischer Oberbefehlshaber, Facebook

Der Held von Mariupol

Drapatyj wurde einer breiteren Öffentlichkeit im Frühjahr 2014 bekannt, als er als Major mit einem Schützenpanzer eine prorussische Straßenblockade in Mariupol durchbrach und der ukrainischen Armee half, die Hafenstadt zunächst zu halten. In Kiew gilt er seither als „Held von Mariupol“. 2024 übernahm er die Bodenkraft und war maßgeblich an der Abwehr des russischen Vorstoßes im Gebiet Charkiw beteiligt. Im Juni 2025 legte er den Posten des Bodenkraft-Kommandeurs nieder, nachdem bei einem Iskander-Einschlag auf einen Truppenübungsplatz zwölf Soldaten getötet worden waren. Drapatyj übernahm damals öffentlich die Verantwortung für den unzureichenden Schutz. Zuletzt kommandierte er das Kommando der Vereinigten Kräfte und die Verteidigung im Osten.

In seinem ersten Statement nach der Ernennung schrieb Drapatyj auf Facebook, er werde „verantwortungsbewusst, konzentriert und mit Respekt gegenüber den Menschen arbeiten, die heute unser Land verteidigen“. Beobachter wie das Portal Table Media beschreiben ihn als deutlichen Kontrapunkt zu Syrskyj: jünger, technikaffin, mit einem Ruf für Rücksicht auf eigene Verluste. Genau das war die zentrale Forderung der Demonstranten der vergangenen Tage.

Fedorow bekommt eine „würdige Position“

Für Fedorow kündigte Selenskyj eine „würdige Position“ im Bereich Technologie und Rüstung an, ohne Details zu nennen. Interimistisch übernimmt Jewhenij Chmara ab Freitag das Verteidigungsressort. Ob Fedorow das Angebot annimmt, ist offen. Aus dem Umfeld des Präsidenten hieß es laut dpa-AFX, Selenskyj habe „lange mit Fedorow und Syrskyj gesprochen“, bevor er entschieden habe; er höre auf das, was die Menschen sagten. Rückendeckung aus Nato-Hauptquartieren oder von EU-Regierungen zur Personalie gab es zunächst nicht öffentlich.

Für Selenskyj ist es der zweite Umbau der militärischen Führung binnen zweieinhalb Jahren. Syrskyj hatte im Februar 2024 den populären Saluschnyj abgelöst, war aber intern zunehmend umstritten, weil unter seiner Führung mehrere Kilometer Frontgelände im Donbas verloren gingen. Der Personalwechsel dürfte die Debatte über die Ausrichtung der ukrainischen Kriegsführung neu befeuern: weg von der Materialschlacht, hin zu einer stärkeren Kombination aus Drohnenkrieg und Bodenoperationen mit knappen Reserven.