Wolodymyr Selenskyj hat die ukrainische Regierung im Kriegsjahr 2026 komplett umgebaut. Die Werchowna Rada bestätigte am Mittwoch den bisherigen Naftogaz-Chef Serhij Korezkyj mit 289 Ja-Stimmen als neuen Ministerpräsidenten. Ein 16-köpfiges Kabinett bekam 264 Stimmen. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, im Amt seit Januar, muss gehen. Als Nachfolger schlug Selenskyj den amtierenden Geheimdienstchef Jewhenij Chmara vor, ein Generalmajor mit einer Vergangenheit in der SBU-Sondereinheit Alpha und Experte für Drohnenoperationen gegen Ziele im russischen Hinterland.

Der Umbau überraschte selbst enge Vertraute. Die bisherige Regierungschefin Julija Swyrydenko war erst im Juli 2025 an die Spitze des Kabinetts gerückt. Selenskyj bot der 40-jährigen Ökonomin nach Berichten des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks den Botschafterposten in Washington an, die vakant gewordene Stelle der wegen Ermittlungen zurückgetretenen Olha Stefanischyna. Bis zum späten Mittwoch hatte Swyrydenko das Angebot laut Handelsblatt nicht angenommen. Als Prioritäten nannte Selenskyj bei der Vorstellung Korezkyjs die „Vorbereitung auf den Winter", die Beziehungen zu den USA und den EU-Beitrittsprozess.

Fedorow-Absetzung löst seltene Kriegsproteste aus

Auf dem Kiewer Maidan versammelten sich am Morgen der Abstimmung nach Angaben von Beobachtern rund 2.000 Menschen, überwiegend junge Ukrainerinnen und Ukrainer, wie die dpa berichtete. Es waren die ersten größeren regierungskritischen Demonstrationen im Kriegsalltag. Fedorow galt als beliebt, weil er die ukrainische Drohnenproduktion auf über zehn Millionen Stück im Jahr ausgeweitet und die Abfangquoten russischer Raketen verbessert hatte. Er selbst sprach von Blockaden aus der Armeeführung. „Alle unsere Initiativen wurden blockiert", sagte der scheidende Minister mit Blick auf den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Olexandr Syrskyj.

Es war eine große Ehre, dem ukrainischen Volk auf dem Posten des Verteidigungsministers zu dienen.
- Mychajlo Fedorow, scheidender Verteidigungsminister, laut dpa

Rechtsfrage um militärische Ränge

Chmaras Nominierung ist noch nicht beschlossene Sache. Nach ukrainischem Recht muss der Verteidigungsminister ein Zivilist sein, Chmara trägt jedoch den Rang eines Generalmajors. Bis zur Klärung soll er das Ressort kommissarisch leiten. Der 48-jährige Korezkyj war seit Mai 2025 Vorstandsvorsitzender des staatlichen Gaskonzerns Naftogaz und gilt als Manager, der die kritische Energieinfrastruktur durch die russischen Angriffe steuern soll. In Selenskyjs Umfeld heißt es, die Personalie ziele weniger auf ein politisches Programm als auf robustes Krisenmanagement vor dem vierten Kriegswinter.

Der Umbau fällt in eine heikle Phase der amerikanisch-ukrainischen Gespräche über Waffenlieferungen und in die Vorbereitung neuer EU-Sanktionspakete. Der Botschafterposten in Washington gilt in Kiew seit dem Amtsantritt der zweiten Trump-Administration als einer der schwierigsten Diplomatenposten. Ob Swyrydenko ihn annimmt, dürfte laut Handelsblatt in den kommenden Tagen entschieden werden.