Wolodymyr Selenskyj hat Wladimir Putin ein direktes Treffen in einem Drittstaat angeboten. In einem offenen Brief, den die Präsidialverwaltung in Kiew am Donnerstag auf president.gov.ua veröffentlichte, schlägt der ukrainische Präsident die Schweiz, die Türkei oder einen der arabischen Staaten als Treffpunkt vor, um die „Schlüsselfragen“ des Krieges persönlich mit dem Kremlchef zu klären. Vertreter aus Europa und den USA sollten als Garantiemächte hinzukommen.
Selenskyj knüpft sein Angebot an einen konkreten Fahrplan. Als erster Schritt soll laut Brief eine Waffenruhe entlang der bestehenden Frontlinie gelten, die von den Vereinigten Staaten überwacht wird. Danach könnten ein Gefangenenaustausch nach dem Prinzip „alle gegen alle“ sowie die Rückführung der von Russland verschleppten Zivilisten und Kinder folgen. Wie der Tagesspiegel berichtet, hat der ukrainische Präsident in dem Schreiben auch direkt an Putins Lagebild appelliert: „Sie werden nicht genug Geld oder politisches Kapital haben, um weiterhin die Loyalität der Russen zu erkaufen.“
Putin reagierte am Freitag beim Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg - und ließ keinen Spielraum. „Wir sind zweifellos dazu bereit, mit der Ukraine eine Vereinbarung zu treffen“, sagte er nach Berichten des Tagesspiegels. Grundlage müsse aber das von ihm und Donald Trump im Sommer in Anchorage in Alaska Verabredete sein. Die Forderung nach voller russischer Kontrolle über die Gebiete Donezk und Luhansk hielt der Präsident ausdrücklich aufrecht. Auch ein Ortswechsel ist für Moskau kein Thema: Der Kreml erneuerte sein eigenes Angebot, in der russischen Hauptstadt zu verhandeln - ein Vorschlag, den Selenskyj wiederholt zurückgewiesen hat.
Sie werden nicht genug Geld oder politisches Kapital haben, um weiterhin die Loyalität der Russen zu erkaufen.
Berlin, Paris und London wollen mit Selenskyj zusammenkommen
Während der Kreml mauert, formiert sich in Europa eine Antwort. Am Rande des EU-Westbalkan-Gipfels im montenegrinischen Tivat kündigte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Freitag an, dass er gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz und dem britischen Premier Keir Starmer „in einigen Tagen“ mit Selenskyj zusammenkommen will. Die drei wollen das Vorgehen nach dem ukrainischen Vorstoß abstimmen. Eine Videokonferenz hatten sie zuletzt vor rund zwei Wochen abgehalten, wie die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet.
Macron betonte in Tivat, die Europäer seien „die mit Abstand wichtigsten Unterstützer der Ukraine“ und müssten bei einem möglichen Friedensprozess am Tisch sitzen. „Ich glaube, dass es heute die Ukraine und Russland sind, die sowohl einen Waffenstillstand als auch einen Friedensplan ausarbeiten können“, sagte er nach Angaben der Rhein-Neckar-Zeitung. Aus dem Weißen Haus kam unterdessen ein knappes Signal: US-Präsident Donald Trump sagte vor Journalisten, er fände ein Treffen der beiden Kriegsparteien gut.
Putin attackiert die EU - und schließt Berlin als Vermittler aus
Putins Auftritt in Sankt Petersburg richtete sich nicht nur gegen Kiew, sondern explizit gegen die Europäische Union. Westliche Warnungen vor einer russischen Aggression nannte er nach Berichten der Berliner Zeitung „Unsinn“ und eine „bewusste Provokation“, um die europäischen Verteidigungsetats hochzutreiben. „Wir sind dagegen, dass sich die EU in einen Militärblock verwandelt“, sagte der Kremlchef. Als mögliche Vermittler akzeptiere Moskau nur „neutrale“ Akteure, denen man trauen könne - Deutschland und die EU schloss er wegen der Waffenlieferungen an die Ukraine ausdrücklich aus.
Damit liegt der diplomatische Konflikt offen: Kiew will Gespräche mit westlicher Rückendeckung an einem neutralen Ort, Moskau will einen bilateralen Termin in der eigenen Hauptstadt und die Donbass-Frage vorab entschieden. Wie es weitergeht, dürfte sich in den kommenden Tagen entscheiden - zunächst nicht in Moskau oder Kiew, sondern bei dem von Macron angekündigten Vierertreffen mit Merz, Starmer und Selenskyj.