Wenige Stunden vor dem Anpfiff im MetLife Stadium stehen sich im WM-Finale zwei Torhüter mit gänzlich unterschiedlichen Profilen gegenüber. Unai Simón, 29, von Athletic Bilbao verteidigt das Tor des amtierenden Europameisters Spanien. Auf der Gegenseite steht Emiliano „Dibu“ Martínez, 33, vom FC Aston Villa, Weltmeister von 2022 und Argentiniens Rückhalt im zweiten WM-Endspiel in Folge.

Simón kommt mit dem statistisch besten Turnier aller Torhüter ins Endspiel. In sechs von sieben Partien hielt er die Null, seine Fangquote von 93 Prozent ist Turnier-Bestwert, wie die sportschau berichtete. In der 89. Minute des Achtelfinales gegen Österreich (3:0) brach er zudem den seit der WM 1990 stehenden Rekord des Italieners Walter Zenga: 519 Minuten ohne Gegentor bei WM-Endrunden, zwei mehr als das legendäre Turnier des „Uomo Ragno“ von Italia 90. Simóns Serie hatte im Dezember 2022 begonnen, als ihn der Japaner Ao Tanaka in der 51. Minute des letzten Gruppenspiels traf; danach blieb er in Katar und in vier Spielen der aktuellen WM ohne Gegentor.

Beendet wurde die Serie im Viertelfinale gegen Belgien, als Simón in der Nachspielzeit einen Anschlusstreffer hinnehmen musste; Spanien gewann trotzdem 2:1 durch Mikel Merinos Tor in der 88. Minute. Auch gegen Frankreich im Halbfinale kassierte er einmal. Am Bild vom Rückhalt änderte das nichts, wohl aber am Bild von der unbezwungenen Wand.

Zwei Torwart-Philosophien

Simón verkörpert im spanischen Konzept den mitspielenden Torhüter, den Trainer Luis de la Fuente eng in das Ballbesitzspiel seiner Elf einbindet. Die Fachseite torwart.de beschreibt seinen Ansatz als „mutige Kurzpässe oder gezielte Seitenwechsel“ unter gegnerischem Druck - der Spielaufbau beginnt bei ihm. Martínez dagegen sei ein Klassiker: „Präsenz, Mentalität, Strafraumbeherrschung und spektakuläre Einzelaktionen“, so das Portal am Donnerstag. Wo Simón antizipiert, provoziert Martínez.

Zum Klassiker gehört bei Martínez auch die grosse Bühne. Im WM-Finale 2022 gegen Frankreich rettete er in der Nachspielzeit der Verlängerung mit einer Parade gegen Randal Kolo Muani, gewann anschliessend das Elfmeterschiessen und den „Goldenen Handschuh“. Auf dem Weg ins Endspiel von New York blieb der 33-Jährige neun Paraden vom Ruhm entfernt und wählt vor dem zweiten grossen Finale demonstrative Ruhe. „Druck lastet nicht auf mir. Ich fühle mich wirklich ruhig“, sagte Martínez gegenüber Yahoo Sports. Und weiter: „Ich muss ruhig bleiben für meine Mitspieler, aber gleichzeitig aggressiv.“

Unai Simón hat sein Können bei diesem Turnier gezeigt. Er ist ein sehr ruhiger Typ, ein guter Fußballer, ein guter Sweeper-Keeper.
- Oliver Kahn, ZEE5-Experte, gegenüber Yahoo Sports

Auch Oliver Kahn hat sich einen Vergleich nicht nehmen lassen. Der frühere Bayern-Kapitän arbeitet nach Angaben von t-online als TV-Experte für den indischen Streamingdienst ZEE5 und bewertete beide Endspieler auf Nachfrage von Yahoo Sports. Simón sei „zuverlässig, und das ist der wichtigste Faktor für einen Torhüter“, so Kahn. Martínez wiederum sei „ein aggressiverer Torhüter mit grosser Statur, grosser Präsenz auf dem Platz und enormen Reflexen“.

Sollte die Partie in ein Elfmeterschiessen gehen, verschieben sich die Rollen. Simóns Torhüterspiel lebt vom Aufbau; wenn der Ball ruht, wird er zum reagierenden Reflexspieler. Martínez findet dort sein Element - die Fußballwelt kennt seine Rituale, die Gesten, das Ping-Pong mit den gegnerischen Schützen. Frankreich scheiterte 2022 auch daran. Anpfiff im MetLife Stadium in East Rutherford ist um 21 Uhr MESZ, das ZDF überträgt live und frei empfangbar.