Die auf der WWDC am Montagabend vorgestellte generative Siri kommt im Herbst nicht auf iPhones und iPads in der Europäischen Union. Apple teilte am Sitz im kalifornischen Cupertino mit, dass die zentralen Funktionen der neu gebauten Sprachassistentin beim Start von iOS 27 und iPadOS 27 in Deutschland und den 26 weiteren EU-Staaten fehlen werden. Als Grund nennt der Konzern den Digital Markets Act (DMA) der Europäischen Kommission - und Verhandlungen, die nach Apples Darstellung in Brüssel an die Wand gefahren wurden.
Software-Chef Craig Federighi äußerte sich in einer von Apple veröffentlichten Stellungnahme ungewöhnlich deutlich. „Wir sind zutiefst enttäuscht, dass unsere EU-Nutzerinnen und Nutzer Siri AI nicht auf iPhone oder iPad haben werden, wenn wir unsere neuen Software-Versionen später in diesem Jahr ausliefern“, erklärte Federighi laut Apples Newsroom-Beitrag. Einen Zeitplan für einen späteren Marktstart in der EU nannte er nicht; das Unternehmen prüfe weiter, „ob und wann“ die Funktionen sicher angeboten werden könnten.
Konkret blockiert sind nach Berichten von heise online, Engadget und Netzwelt die Kernfähigkeiten der neuen Siri: das Erfassen von Bildschirminhalten, das app-übergreifende Ausführen von Aufgaben und der Zugriff auf persönlichen Kontext aus Mail, Nachrichten und Kalender. Auf Mac, Apple Watch und Apple Vision Pro werden die Funktionen dagegen wie geplant ausgerollt - macOS 27, watchOS 27 und visionOS 27 zählen nach Einstufung der EU-Kommission nicht zu den sogenannten Gatekeeper-Plattformen und fallen damit nicht unter den DMA.
Wir sind zutiefst enttäuscht, dass unsere EU-Nutzerinnen und Nutzer Siri AI nicht auf iPhone oder iPad haben werden, wenn wir unsere neuen Software-Versionen später in diesem Jahr ausliefern.
Was Apple den Behörden in Brüssel vorwirft
Der Kern des Streits dreht sich um den Zugriff von Drittanbieter-Assistenten auf das iPhone. Die Kommission interpretiere den DMA so, dass Apple Konkurrenten „nahezu unbegrenzten Zugriff auf das Gerät einer Nutzerin gewähren“ müsse, einschließlich der Möglichkeit, „autonom und ohne fortlaufende Kontrolle“ Nachrichten zu lesen, Käufe abzuwickeln, auf Dateien zuzugreifen und Apps zu steuern, schreibt Apple in einem eigenen Newsroom-Beitrag zum EU-Stopp. Das schaffe Sicherheitsrisiken, die das Unternehmen so nicht mittragen wolle.
Apple selbst hatte einen Kompromiss vorgelegt. Der Konzern entwickelte nach eigener Darstellung eine Zwischenebene mit dem Namen Trusted System Agent, über die fremde KI-Assistenten dieselben Systemfunktionen wie Siri AI hätten nutzen können - allerdings unter Apples Kontrolle. Zusätzlich bot Apple einen gestaffelten Marktstart über 18 Monate an, in denen die offene Schnittstelle Schritt für Schritt freigegeben worden wäre. Die EU-Kommission habe alle Vorschläge zurückgewiesen, berichtet heise online unter Berufung auf Apples Stellungnahme. Eine Reaktion aus Brüssel auf diese Darstellung gab es bis Dienstagvormittag nicht.
Was im Herbst auf deutschen iPhones läuft
Nicht alle KI-Funktionen sind betroffen. Die bereits eingeführten Apple-Intelligence-Bausteine - darunter die Schreibwerkzeuge, der Image Playground und Zusammenfassungen für Benachrichtigungen - sollen mit iOS 27 auch in der EU ausgespielt werden, wie der Branchendienst Engadget berichtet. Auch die in der Keynote angekündigte Wahlmöglichkeit, OpenAIs ChatGPT oder Anthropic Claude als alternative KI in Systemdialogen einzubinden, soll europaweit verfügbar sein. Was fehlt, ist die persönliche, im Hintergrund mitdenkende Siri, die Apple als Herzstück seiner KI-Strategie verkauft.
Es ist nicht der erste Anlauf, bei dem Apple und die EU aneinandergeraten. Bereits die Einführung von Apple Intelligence verzögerte sich in Europa um rund fünf Monate, weil das Unternehmen und die Kommission über die DMA-Anforderungen stritten. Diesmal trifft die Verzögerung allerdings genau das Produkt, mit dem Apple den im Vorjahr verschlafenen KI-Sprung gegen Google und OpenAI nachholen will. Für deutsche iPhone-Käuferinnen und -Käufer bedeutet das im Herbst: die Hardware bekommt das Update, das Aushängeschild der Software-Generation fehlt.