Der amerikanische Tenor-Saxophonist Sonny Rollins ist tot. Wie seine langjährige Sprecherin Terri Hinte am Montag bestätigte, starb der als „Saxophon-Koloss“ verehrte Musiker im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Woodstock im US-Bundesstaat New York. Eine Todesursache nannte sie zunächst nicht; Rollins litt seit Jahren an Lungenfibrose und war seit seinem letzten Konzert 2012 weitgehend ans Haus gefesselt.
Mit Rollins verliert der Jazz einen seiner letzten ganz großen Bebop-Veteranen. Geboren 1930 in Harlem, spielte er sich bereits in den frühen 1950er Jahren an die Spitze des modernen Jazz. Sein Album „Saxophone Colossus“ von 1956, auf dem auch der Calypso-Klassiker „St. Thomas“ erschien, gilt bis heute als Schlüsselwerk der Hard-Bop-Ära. Trompeter Miles Davis, mit dem Rollins zu Beginn seiner Laufbahn aufnahm, nannte ihn laut der Deutschen Presse-Agentur „den größten Tenor-Saxophonisten aller Zeiten“.
Meine Mutter schenkte mir während der Großen Depression ein Saxophon. Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür und war im Himmel.
Rollins' Biografie ist eine Aneinanderreihung von Rückzügen und Wiederkehr. Mitte der 1950er Jahre überwand er nach einer Haftstrafe wegen Raubüberfalls seine Heroin-Sucht. Zwischen 1959 und 1962 zog er sich erstmals komplett aus dem Plattengeschäft zurück und übte stattdessen monatelang allein auf der Williamsburg Bridge in New York, weil ihm in seiner Mietwohnung der Platz für die volle Lautstärke fehlte. Sein Comeback-Album hieß folgerichtig „The Bridge“. Ende der 1960er Jahre verschwand er erneut, diesmal nach Indien und Japan für Meditationsübungen.
Auch jenseits der Jazz-Szene wurde Rollins einem breiten Publikum bekannt: 1981 spielte er das ausgedehnte Saxophon-Solo auf „Waiting on a Friend“, einem der bekanntesten Stücke des Rolling-Stones-Albums „Tattoo You“. Er war damit einer der wenigen Jazz-Solisten, deren Spiel im klassischen Rock-Kanon ankam. Kompositionen wie „Oleo“, „Doxy“ und „St. Thomas“ gehören heute zum Standardrepertoire jeder Jazz-Combo.
Ehrungen bis ins hohe Alter
Für sein Lebenswerk erhielt Rollins fast alle wichtigen Auszeichnungen, die der US-amerikanische Kulturbetrieb zu vergeben hat: einen Grammy Lifetime Achievement Award (2004), die National Medal of Arts (2010) und die Kennedy Center Honors (2011). Mehr als sechzig Alben hat er als Bandleader aufgenommen, dazu zahllose Sessions als Sideman bei Thelonious Monk, Max Roach und Dizzy Gillespie.
Sein letztes öffentliches Konzert gab Rollins 2012; zwei Jahre später legte er das Saxophon wegen seiner Atemwegserkrankung endgültig zur Seite. In einem Interview mit der New York Times sagte er 2020 über sein Lebensende, wie der Rolling Stone Germany berichtet: „Mein Körper wird zu Staub. Aber meine Seele wird ewig leben.“