Es dauerte bis in die Schlussphase, doch dann brach das Millerntor. In der 88. Minute drückte der Japaner Joel Chima Fujita einen abgefälschten Schuss zum 1:0 über die Linie und beendete die längste Durststrecke, die der FC St. Pauli seit dem Wiederaufstieg erlebt hatte. Der Bundesliga-Absteiger gewann am Freitagabend das Topspiel des fünften Zweitliga-Spieltags gegen den VfL Wolfsburg vor 29.546 Zuschauern - ausverkauft, wie es das Millerntor an fast jedem Heimspieltag ist.
Es war der erste Pflichtspielsieg der Hamburger seit dem 28. Februar. Damals hatte St. Pauli in der Bundesliga 1:0 gegen die TSG Hoffenheim gewonnen. Danach folgten 14 Spiele ohne Erfolg, der Abstieg, ein Trainerwechsel und ein Saisonstart, der schnell in dieselbe Richtung zu kippen drohte: drei Punkte aus vier Partien, keine Tore in Serie. „Fujita bricht den Bann“, schrieb die Sportschau nach dem Abpfiff.
Vor dem späten Treffer war das Spiel ein zähes Duell zweier Mannschaften, die beide aus der ersten Liga heruntergekommen sind. Der VfL, im Mai auf dem 16. Tabellenplatz gescheitert, war ungeschlagen in Hamburg angereist. Fabian Reese traf in der 5. Minute die Latte, Connor Metcalfe köpfte in der 60. an das gleiche Aluminium auf St. Paulis Seite. Torhüter Jakub Zielinski parierte gegen Abdoulie Ceesay, Mathias Rasmussen und Eric Smith, ehe der Ball dann doch an ihm vorbeirutschte.
Ceesay eroberte im Angriffsdrittel den Ball, den Rest erledigte ein deutscher Zweitligaabend mit japanischer Handschrift.
Die Szene, die dem Millerntor die Anspannung nahm, kam nach hohem Pressing. Ceesay grätschte Wolfsburgs Vini Souza den Ball ab, spielte quer auf Fujita, dessen Schuss aus halblinker Position von Jonas Adjetey unhaltbar für den eigenen Keeper abgefälscht wurde. Trainer Marcel Rapp, der Blessin im Sommer beerbt hatte, hatte seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit mehrfach umgestellt und Fujita nach vorne gezogen - eine Personalie, die sich buchstäblich in der 88. Minute auszahlte.
Wolfsburg verliert Anschluss an die Spitze
Für den VfL, den Cheftrainer Tobias Strobl in dieser Saison neu aufgestellt hat, ist es die erste Niederlage. Die Wolfsburger, im Aufstiegsrennen einer der Titelfavoriten, fielen mit acht Punkten auf Platz fünf zurück und verloren vorerst den direkten Anschluss an Tabellenführer 1. FC Nürnberg. Wie der Tagesspiegel unter Berufung auf die Deutsche Presse-Agentur meldete, mussten beide Teams zahlreiche Ausfälle kompensieren.
St. Pauli klettert mit sechs Punkten auf Rang acht - eine bescheidene Zwischenbilanz, die aber vor dem Spiel nicht selbstverständlich schien. Der Klub hatte in der Vorsaison bis zur letzten Spielzeit gegen den Abstieg gespielt und dann ausgerechnet gegen Wolfsburg das entscheidende 1:3 kassiert, mit dem der Gang in die 2. Liga besiegelt war. Vier Monate später hat der Kiezklub im ersten sportlich wichtigen Duell dieser Saison zurückgezahlt.
Am Millerntor blieb nach dem Schlusspfiff das Publikum lange stehen. Fujita, seit dem Winter 2024 im Klub, wurde vor der Südkurve gefeiert. „Das Millerntor steht Kopf“, meldete die Klub-Homepage. Rapp sagte, so gut die Erlösung tue, so schnell müsse man weitermachen: In einer Woche spielt St. Pauli in Kaiserslautern, Wolfsburg empfängt am Sonntagabend zunächst noch die verbleibenden Spiele des fünften Spieltags zur Kontrolle.