Wenige Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit rückt der DDR-Geheimdienst wieder in den Vordergrund: Seit Mittwoch zeigt das Staatsarchiv Bremen die Wanderausstellung „Alles wissen wollen. Die Stasi und ihre Dokumente“, die das Bundesarchiv aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv zusammengestellt hat. Sieben Vitrinen, 21 Originalobjekte, dazu QR-Codes für vertiefendes Material - die Schau läuft bis zum 2. November und ist der Auftakt für ein Programm, das die Aufarbeitung der SED-Diktatur in den Mittelpunkt des Bürgerfestes rückt.
Am 3. Oktober wird die zentrale Feier zum 36. Jahrestag der Wiedervereinigung erstmals seit 2010 wieder in Bremen ausgerichtet. Vom 2. bis 4. Oktober erwartet die Hansestadt nach Angaben des Organisationskomitees mehr als 400.000 Besucher, 600 Programmpunkte verteilen sich auf Innenstadt, Schlachte und Osterdeich. Motto: „Viele Stärken - ein Land“. Das Bundesarchiv kommt mit einem Informationsstand und zwei Talks, unter anderem zu Opfern der Stasi und zum Einsatz Künstlicher Intelligenz bei der Aktenerschließung.
Werder im Visier des BFC-Spitzels
Passend zur Ausstellung erscheint das Dokumentenheft „Die Stasi und Bremen“, herausgegeben von der Historikerin Konstanze Soch am Bundesarchiv. Der Band bündelt Schriftstücke, Fotos und Skizzen zur Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit im Bundesland Bremen - und rückt neben Werften, Häfen, der Universität und der Forschungsstelle Osteuropa vor allem einen ungewöhnlichen Fall in den Fokus: den SV Werder Bremen.
Wie der öffentlich-rechtliche Regionaldienst buten un binnen unter Berufung auf die Bundesarchiv-Studie berichtet, schleuste die Stasi vor dem UEFA-Cup-Duell 1988 gegen den BFC Dynamo einen Vertrauten als Pressesprecher in die Delegation des „Stasi-Klubs“. Klaus Thiemann sollte Interviews unterbinden, Fluchtversuche verhindern und Informationen über den Werder-Präsidenten Franz Böhmert sammeln. Sportlich wurde der Auftrag zum Debakel: Nach dem 0:3 im Hinspiel gewann Werder das Rückspiel an der Weser 5:0 - das „Wunder von der Weser“.
Der große Sport war für die Stasi wichtig. Zum einen wegen der Kontakte unter den Spielern.
Bereits sechs Jahre zuvor, im September 1982, hatte der Geheimdienst die Partie Werder gegen FC Vorwärts Frankfurt/Oder mit dichter operativer Kulisse begleitet. Soch dokumentiert zudem, wie die HV A ihre Beobachtung DDR-Schiffsbesatzungen in Bremer Häfen ausdehnte, um Fluchten zu unterbinden und Industriespionage zu betreiben. Die Universität Bremen und die Forschungsstelle Osteuropa galten als Anlaufpunkte für DDR-Emigranten und wurden mit inoffiziellen Mitarbeitern durchsetzt.
Digitalisierung als Zukunftsprojekt
Für das Bundesarchiv fällt die Bremer Woche mitten in eine Phase des Umbaus. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte im vergangenen Herbst rund 2,17 Millionen Euro zusätzlich für 2026 bewilligt, davon 420.000 Euro für die Digitalisierung der Stasi-Karteien, 500.000 Euro für KI-gestützte Recherche und 750.000 Euro für den Digitalen Lesesaal. Bundesarchiv-Präsident Michael Hollmann sprach in einer Pressemitteilung von „Rückenwind für wichtige Zukunftsprojekte“. Rund 66.000 digitalisierte Aktenseiten und 17.000 Tonminuten sind bislang online zugänglich - ein Bruchteil des Bestands, dessen komplette Digitalisierung das Bundesarchiv auf rund 253 Millionen Euro veranschlagt.
Am 14. Oktober besucht der frühere Werder-Profi Thomas Wolter die Ausstellung als Zeitzeuge, am 2. Oktober diskutiert ein Podium im Staatsarchiv über den Umgang mit der Stasi-Vergangenheit. Bis dahin dürften die Aktenbestände zur Bundesrepublik-Beobachtung, die in Bremen ausgestellt sind, deutlich mehr Besucher sehen als sonst - Wikipedia meldet die Liste der Stasi-Einrichtungen aktuell in den Top-Trends des Landes.