Kurz vor der zentralen Bundesgedenkfeier für die Verschwörer des 20. Juli 1944 kam es am Montag im Ehrenhof des Berliner Bendlerblocks zu einem Handgemenge um den Kranz der AfD-Bundestagsfraktion. Tobias Korenke, ein Nachfahre des Widerstandskämpfers und Theologen Dietrich Bonhoeffer, versuchte das Gebinde zu entfernen. Wachpersonal griff ein, im Gerangel wurde der Kranz beschädigt.
Korenke, SPD-Mitglied und lange Kommunikationschef der Funke-Mediengruppe, begründete seinen Schritt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur mit dem Auftreten der AfD am Gedenktag. Die 82. Wiederkehr des Attentats sei mit einem AfD-Kranz nicht zu vereinbaren.
Viele Nachkommen, und dazu gehöre auch ich, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD hier Kränze ablegt. Das werden wir hier nicht akzeptieren.
Aus der AfD-Bundestagsfraktion kam prompt Kritik. Der Historiker-Sprecher Götz Frömming nannte die Aktion peinlich und verwies darauf, dass die Partei als im Bundestag vertretene Fraktion regulär zu offiziellen Gedenkveranstaltungen eingeladen sei. Ambivalenter reagierte Karl Graf von Stauffenberg, ein Enkel des Hitler-Attentäters. Er nannte die Instrumentalisierung seines Großvaters durch die AfD widerlich, warnte aber davor, der Partei die Kranzniederlegung zu verwehren. „Dafür sind wir Demokraten“, sagte Stauffenberg dem Handelsblatt.
Aus der Grünen-Bundestagsfraktion kamen Sympathiebekundungen. Die Abgeordneten Misbah Khan und Andreas Audretsch schrieben, ein Kranz der AfD bei einer Feier für den Widerstand gegen die NS-Diktatur sei mit dem Geist der Veranstaltung unvereinbar; Korenkes Vorgehen verdiene Anerkennung.
Die eigentliche Feierstunde bestritt Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Sie sprach als Enkelin von Holocaust-Opfern, erinnerte an ihre in Sobibor ermordete Urgroßmutter und mahnte, Demokratie lebe „von einer Ethik der bürgerlichen Verantwortung“, wie ZDFheute berichtet. Am Nachmittag legen 240 Rekrutinnen und Rekruten der Bundeswehr am selben Ort ihr feierliches Gelöbnis ab, Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hält die Ansprache.
Es ist der zweite Zwischenfall im Umfeld des diesjährigen Gedenktages binnen weniger Wochen. Anfang Juli hatte der Kabarettist Uwe Steimle für die sachsen-anhaltinische AfD einen Werbeclip gedreht, in dem er sich mit Anspielungen auf Stauffenberg inszenierte; die Staatsanwaltschaft Dessau prüft seither eine Anzeige. Der 20. Juli 1944, an dem Wehrmachtsoffiziere um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg das Attentat auf Adolf Hitler wagten und am Abend im Ehrenhof des Bendlerblocks erschossen wurden, ist seit den achtziger Jahren zentraler staatlicher Widerstands-Gedenktag der Bundesrepublik.