Die Serie von Sabotageakten gegen das deutsche Stromnetz weitet sich aus. Die Polizei entdeckte am Freitag im Osten Sachsens zwölf selbstgebaute Sprengvorrichtungen an Hochspannungsleitungen, wie das sächsische Innenministerium und die Polizeidirektion Görlitz mitteilten. Vier der Vorrichtungen wurden bislang gesichert und entschärft, die Fundorte lagen südlich des Umspannwerks Bärwalde bei Lippen sowie östlich des Umspannwerks Graustein bei Schleife. Verletzt wurde niemand, Stromausfälle blieben aus.

Hinweise auf die Sprengsätze hatte ein zweites Bekennerschreiben geliefert, das am Donnerstag in Redaktionen einging. Es gilt bei den Ermittlern als authentisch. „Die sächsischen Sicherheitsbehörden stehen mit allen weiteren betroffenen Ländern in enger Abstimmung“, erklärte Innenminister Armin Schuster (CDU). Eine Sprecherin der Polizeidirektion Görlitz sagte, Beamte seien „teilweise die ganze Nacht über mit der Sicherung von Spuren beschäftigt“ gewesen.

Begonnen hatte die Anschlagsserie bereits Anfang der Woche: Am 2. September wurde das Amprion-Umspannwerk bei Bergheim im Rhein-Erft-Kreis Ziel eines Angriffs, einen Tag später erwischte es das Umspannwerk Jänschwalde in Brandenburg, direkt neben dem gleichnamigen Braunkohlekraftwerk. In Jänschwalde hatte der Täter nach ZDF-Recherchen 23 Silvesterraketen mit einer selbstgebauten Abschussvorrichtung versehen, um leitfähige Kupferdrähte auf die Hochspannungsleitungen zu schleudern und Kurzschlüsse auszulösen. Nur eine der Raketen zündete. In Weisweiler, Eschweiler und Dormagen fand die Polizei anschließend weitere vorbereitete Vorrichtungen.

SEK stürmt Truck, Verdächtiger flieht

Die Ermittler kamen dem mutmaßlichen Täter über die Bekennerschreiben auf die Spur. Nach übereinstimmenden Berichten von t-online, taz und Tagesschau handelt es sich um Daniel V., 48 Jahre alt, gebürtig aus Gevelsberg im Ennepe-Ruhr-Kreis. Er soll ein Medizinstudium abgebrochen, später als Gitarrenbauer gearbeitet haben und zuletzt arbeitslos gewesen sein. In seinem Wohnhaus in Gevelsberg griff das Spezialeinsatzkommando am Freitagmorgen zu und stellte Sprengstoff sicher; angetroffen wurde Daniel V. dort nicht. Am Freitagabend stürmte das SEK schwer bewaffnet einen auffällig umgebauten Lastwagen im Hambacher Forst nahe Niederzier - das Fahrzeug diente dem Verdächtigen offenbar als mobile Werkstatt, war jedoch leer.

Wir befinden uns immer noch in der Fahndungslage.
- Sprecherin der Polizei Köln, gegenüber der taz

Das Landeskriminalamt Brandenburg hat die Ermittlungsgruppe „Blitz“ gebildet, allein in Brandenburg sind rund 300 Einsatzkräfte an den Hochspannungsleitungen im Einsatz. Gefahndet wird europaweit. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte am Freitag, er gehe davon aus, dass der Mann inzwischen zu Fuß unterwegs sei und „nicht weit kommen dürfte“.

„Klimaterrorismus“ oder Einzeltäter

Die beiden Bekennerschreiben sind nach Angaben der Ermittler handschriftlich verfasst und enthalten eine Absenderadresse - für Bekennerschreiben höchst ungewöhnlich. Als Motiv nennt der Verfasser die Ablehnung fossiler Energieerzeugung: „Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen“, das „unsägliches Leid“ verursache, wie die taz aus dem Text zitiert. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von „Klimaterrorismus“ eines Einzeltäters. „Das Wissen, was offenbart wird in diesen Schreiben, das ist eindeutiges Täterwissen“, so Dobrindt. Reul ergänzte: „Keine Ideologie taugt als Ausrede.“

Die Anschlagsserie reiht sich in eine wachsende Zahl von Angriffen auf kritische Infrastruktur ein. Erst im Juni war das Umspannwerk Reutlingen abgebrannt, im Juli hatten Ermittler in Berlin Verdächtige der linksextremen Szene wegen Sabotageakten in Adlershof und Lichterfelde festgenommen. Der Fall Daniel V. wirft zusätzliche Fragen auf: Der Generalbundesanwalt prüft eine Übernahme des Verfahrens, weil die Angriffe länderübergreifend und mit einheitlicher Handschrift erfolgten - und weil die Kombination aus konkreter Adresse, handgeschriebenem Manifest und Bau von Sprengvorrichtungen aus dem üblichen Raster politisch motivierter Straftaten fällt.