Arte hat am Sonntagabend den Disco-Mythos Studio 54 zu einem Doppelprogramm gebündelt. Um 20:15 Uhr lief Mark Christophers Kinodrama „Studio 54“ aus dem Jahr 1998, um 21:45 Uhr folgte die 93-minütige Dokumentation „Studio 54 - Hinter den Pforten des legendären Clubs“ von Matt Tyrnauer. Beide Filme bleiben in der Arte-Mediathek abrufbar, das Drama bis 14. März 2027, die Doku bis 14. April 2027.

Christophers Spielfilm zeichnet Aufstieg und Absturz des berühmtesten Nachtclubs New Yorks durch die Augen des jungen Türstehers Shane nach, gespielt von Ryan Phillippe. Neben Phillippe sind Salma Hayek, Neve Campbell und Mike Myers zu sehen; Myers verkörpert Mitbetreiber Steve Rubell. Die Rezeption blieb schon 1998 gespalten, denn die Kinofassung war stark zusammengeschnitten. Später zog Christopher eine restaurierte Regiefassung nach, in der weite Teile seiner ursprünglichen Vision zurückkehrten. Anlässlich der Arte-Ausstrahlung urteilte kulturnews.de, das Werk vermittle zwar „Glamour, Glitzer, Geld und Genuß“, bleibe emotional aber ein „Schmorfeuer“.

Glamour, Glitzer, Geld und Genuß.
- kulturnews.de über Mark Christophers Studio-54-Film

Tyrnauers Doku aus dem Jahr 2018 setzt einen anderen Akzent. Sie stützt sich auf Archivmaterial und ausführliche Interviews mit Mitgründer Ian Schrager, der zum ersten Mal ausführlich über die Zeit spricht. Zu sehen sind Andy Warhol, David Bowie, Mick Jagger, Diana Ross, Grace Jones und Liza Minnelli beim Vorbeikommen an der restriktiven Türpolitik, die zum Markenkern des Clubs gehörte. Der Film ordnet Studio 54 in die gesellschaftlichen Umbrüche der späten 1970er Jahre ein: Emanzipation, sexuelle Revolution, Disco-Boom.

Vom Steuerbetrug bis zum Broadway-Theater

Das Studio 54 in der 254 West 54th Street in Midtown Manhattan eröffnete 1977 auf dem Höhepunkt der Disco-Ära. Rubell und Schrager machten den Laden mit Prominenz und exzentrischen Veranstaltungen zur globalen Marke, und stürzten binnen drei Jahren ab. 1980 wurden beide wegen Steuerhinterziehung verurteilt, der Club schloss unter den Gründern. Von 1981 bis 1986 führten neue Betreiber weiter, danach war Schluss. Die Tyrnauer-Doku macht neben dem Steuerbetrug auch die beginnende AIDS-Krise für den Niedergang der Disco-Kultur verantwortlich.

Das Gebäude steht noch, aber nicht mehr für Nachtleben. Die Roundabout Theatre Company nutzt den Saal seit 1998 als Musical-Bühne, im Kellergeschoss betreibt Feinstein's/54 Below ein Cabaret-Restaurant. Wer den Mythos noch einmal nacherleben will, bekommt bei Arte zwei Zugänge: Christophers Fiktion mit ihren narrativen Schwachstellen und Tyrnauers dokumentarische Rekonstruktion.