Fünf Jahre nach dem Fall von Kabul haben die Taliban am Samstag ihre Machtübernahme mit Fahnen, Blumen aus Militärhubschraubern und Autokorsos gefeiert. In der traditionellen Loya Jirga versammelten sich Anführer und Kämpfer, wie der staatliche Sender RTA übertrug und die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Zeitgleich veröffentlichte UN Women in Kabul eine Warnung, die den Feierlichkeiten den Hintergrund entzieht: Die Hilfsprogramme für afghanische Frauen stehen vor dem Kollaps.

Der amtierende Außenminister Amir Khan Muttaqi sprach vor Diplomaten und Kämpfern in der Hauptstadt. „Heute sind die Weltanschauungen und Werte der afghanischen Regierung und Nation miteinander im Einklang“, zitierte die Badische Zeitung Muttaqi unter Berufung auf dpa. Ein Cricket-Spiel als Höhepunkt der Zeremonie war für Frauen und Mädchen tabu - eine Regel, die inzwischen für weite Teile des öffentlichen Lebens gilt. Westliche Diplomaten blieben der Kabuler Feier fern.

Fünf Jahre nach der Machtübernahme sind die verheerenden Folgen der Straflosigkeit klarer denn je.
- Fereshta Abbasi, Afghanistan-Expertin Human Rights Watch

Frauenhilfe steht vor dem Aus

Susan Ferguson, UN-Sonderbeauftragte von UN Women in Afghanistan, sagte laut Al Jazeera, mehr als die Hälfte der noch aktiven Frauenorganisationen könnte innerhalb eines Jahres den Betrieb einstellen. Der UN-Hilfsappell über 1,7 Milliarden US-Dollar ist bislang zu einem Viertel finanziert; fast drei von vier Frauenorganisationen mussten 2025 Kürzungen hinnehmen, zwei Drittel verfügen nur noch über Rücklagen für höchstens sechs Monate. In einer UN-Umfrage unter 3.200 Frauen gab mehr als die Hälfte an, das Haus nur noch ein- bis zweimal im Monat zu verlassen; sieben von zehn berichten über schlechte oder sehr schlechte psychische Verfassung.

Auch die Bilanz von Human Rights Watch (HRW) ist düster. 17 Millionen Menschen - rund 40 Prozent der afghanischen Bevölkerung - leiden nach der Organisation an akuter Ernährungsunsicherheit. Afghanistan ist weltweit der einzige Staat, der Mädchen den Zugang zur weiterführenden Schule verwehrt. „Fünf Jahre nach der Machtübernahme sind die verheerenden Folgen der Straflosigkeit klarer denn je“, sagte HRW-Afghanistan-Expertin Fereshta Abbasi in einer Mitteilung zum Jahrestag. Nach UN-Angaben haben die Taliban seit August 2021 mehr als 100 Dekrete gegen die Rechte von Frauen und Mädchen erlassen.

Die Bundesregierung steht in der Kritik. Seit August 2024 setzt Deutschland wieder Abschiebeflüge nach Afghanistan ein, im Juli 2026 startete unter Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) der bislang zweite Charter. Im Juni trafen sich EU-Vertreter in Brüssel mit einer Taliban-Delegation zu Migrationsfragen; offiziell anerkannt ist das Emirat in Berlin dennoch nicht. HRW fordert einen sofortigen Abschiebestopp und den Erhalt humanitärer Hilfe. In seinen Reden verzichtete Muttaqi auf Zugeständnisse - die Taliban seien am Ziel angekommen, an dem Werte des Regimes und der Nation deckungsgleich seien.