Das Erste hat am Sonntagabend die Sommerpause mit einer Wiederholung überbrückt: Um 20.15 Uhr lief „Borowski und das ewige Meer“ aus Kiel, ein Fall aus dem November 2024. Ein am Strand angeschwemmtes 19-jähriges Mordopfer, zwei weitere tote junge Frauen, alle Teil einer Klimaschutzgruppe, die kurz vor ihrem Tod ihre Handys weggegeben hatten - so setzt der 1279. „Tatort“ seine Ermittler Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) in Bewegung. Am Ende steht eine Zenaida genannte Chatbot-Instanz im Zentrum, die die Aktivistinnen in den Suizid getrieben haben könnte.
Der Krimi von Regisseurin Katharina Bischof nach einem Buch von Katharina Adler und Rudi Gaul war in seiner Erstausstrahlung ein Publikumserfolg. 8,42 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sahen ihn in der endgültigen AGF-Wichtung, das entspricht einem Marktanteil von 29 Prozent. Bei der Kritik fällt das Urteil zwei Jahre später deutlich uneinheitlicher aus.
Zwischen Klimaangst, KI und Kieler Novemberbildern
Der Filmkritiker Tilmann P. Gangloff lobt bei evangelisch.de vor allem die Atmosphäre: Die „November-Bilder“ verbreiteten eine Traurigkeit, die zur Geschichte hervorragend passe. Er hebt die Generationenkonflikte hervor, die der Film zwischen der Ermittlerseite und einer 18-jährigen Aktivistin namens Leonie durchspielt.
Deutlich reservierter fällt die Kritik von Andrea Kachelrieß in der Stuttgarter Zeitung aus. Sie bemängelt, dass der Fall die ethischen und rechtlichen Fragen rund um einen KI-getriebenen Suizid weitgehend umgehe. Der Programmierer bleibe blass, und dass Borowski am Ende im Alleingang eine allgegenwärtige KI abschalte, wirke wenig glaubhaft. Als Aktivistenparole stellt sie den Satz „Luxus bauen das geht fix. Für das Klima tut ihr nix!“ ins Zentrum ihrer Zwischenüberschrift.
Davon ist der ‚Tatort: Borowski und das ewige Meer‘ aus dem Jahr 2024 leider meilenweit entfernt.
Auf kino.de zieht Marek Bang die schärfste Bilanz. Drei Schwergewichte - Klimaaktivismus, Künstliche Intelligenz und Manipulation über soziale Netzwerke - in 90 Minuten unterzubringen, überfordere die Erzählung. „Mittlerweile befindet sich Klaus Borowski in seiner wohl verdienten TV-Rente“, schreibt er, „so dürfte er bei Einsetzen des Abspanns vornehmlich ratlose Gesichter hinterlassen.“ Als Bezugspunkt dient ihm der Vorgängerfall „Borowski und der Wiedergänger“, der die düstere Komik des Kieler Teams besser eingelöst habe.
Milbergs Rente ist längst besiegelt
Bangs Verweis auf die „TV-Rente“ ist kein Bild mehr: Milberg hat den Kommissar tatsächlich hinter sich gelassen. Sein endgültiger Abschied lief 2025 mit „Borowski und das Haupt der Medusa“; am Ende saß Borowski in Untersuchungshaft, nachdem er im Handgemenge den Täter mit seiner Dienstwaffe erschossen hatte. Der NDR ließ die Kieler Reihe damit dramatischer enden als jede seiner 43 Vorgänger-Folgen seit 2003.
Die Nachfolge steht schon in den Startlöchern. Bagriacik bleibt als Mila Sahin, an ihre Seite tritt Karoline Schuch als Polizeipsychologin Elli Krieger. Die Doppelfolge „Unter Freunden/Unter Feinden“ mit dem neuen Duo wurde bereits abgedreht und soll laut Ankündigung des Ersten 2026 an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen laufen. Bis dahin füllt die ARD die Sommerpause mit Wiederholungen wie der vom Sonntag - und mit der Erinnerung daran, dass Borowskis späte Fälle Mut zu ungewöhnlichen Stoffen zeigten, auch wenn sie, wie „Das ewige Meer“ beweist, nicht immer sauber landeten.