Das Erste hat am Sonntagabend die Sommerpause abermals mit einer Wiederholung überbrückt: Um 20.15 Uhr lief „Trotzdem“ aus Nürnberg, der zehnte Fall des Franken-Teams und Dagmar Manzels Abschied als Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn. Zwei Familien geraten nach dem Suizid des inhaftierten 25-jährigen Lenni Kranz in einen Sog aus Schuld, Trauer und Rache; Ringelhahn und Felix Voss (Fabian Hinrichs) versuchen, die Eskalation zu bremsen. Der 1275. „Tatort“ lief ursprünglich am 6. Oktober 2024 und war mit rund 7,98 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern die meistgesehene Sendung des Abends.

Regie führten Max Färberböck und Danny Rosness, das Drehbuch stammt von Färberböck und Stefan Betz. Neben dem Ermittlerteam mit Eli Wasserscheid als Wanda Goldwasser und Stefan Merki als Dr. Kaiser hatte Färberböck ein Gast-Ensemble aufgeboten, das die Kritik hervorhob: Fritz Karl und Ursina Lardi als Ehepaar Dellmann, Anne Haug und Mercedes Müller als die Schwestern Kranz. Die Rezensionen gingen schon bei der Erstausstrahlung auseinander und stehen zur Wiederholung wieder in den TV-Beilagen.

Leise Emotion oder große Klappe

Thomas Gehringer lobt in seiner Kritik auf tittelbach.tv den ruhigen Zugriff des Autorenregisseurs. Färberböck baue „langsam und eindringlich eine Spannung auf, die sich in einem dramatisch eskalierenden Finale entlädt“. Manzels Abgang gerate „unverblümt und auf leise Art hochemotional“, er attestiert der Schauspielerin „einen wunderbaren letzten Auftritt“. Auch das „hochkarätige Episoden-Ensemble“ um Karl, Lardi, Müller, Haug und Münchow bekommt eine ausdrückliche Erwähnung.

Deutlich reservierter fällt das Urteil von Jonas Kretzer aus, der die Wiederholung für tvmovie.de rezensierte. Sein Verdikt steht schon in der Überschrift: „Große Klappe, nichts dahinter“. Der Nürnberg-Krimi mache „dicke Hose“, ohne den Abschied seiner Titelfigur mit Substanz zu füllen; der emotionale Schlussakkord wirke wie „ein selbst dahingeträllerter Song“. Kretzer rät den Zuschauern, Ringelhahn und Voss am Wochenende zu meiden. Auf kino.de moniert die Episoden-Kritik, Ringelhahn gehe in den Familien-Erzählungen unter und bekomme in den letzten Minuten „stiefmütterliche“ Behandlung.

unverblümt und auf leise Art hochemotional
- Thomas Gehringer, tittelbach.tv

Nach zehn Fällen zurück in die Oper

Manzel hatte ihren Ausstieg schon vor der Erstausstrahlung angekündigt. Die Schauspielerin, seit 2015 in Nürnberg im Einsatz, nannte damals gegenüber dem Bayerischen Rundfunk die Regie an Opernhäusern, mehr Zeit für die Enkelkinder und längere Urlaube als Gründe für den freiwilligen Rückzug. „Es war eine wunderbare, beglückende, intensive Arbeit mit dem BR in einem Jahrzehnt“, zitiert wiewardertatort.de aus ihrer Abschiedserklärung, in der sie namentlich der 2023 gestorbenen Redakteurin Stephanie Heckner dankte.

Die Wiederholung reiht sich in eine Serie von Sommerpausen-Auffrischungen, mit denen die ARD in den vergangenen Wochen ältere Fälle noch einmal ins Programm hob, darunter „Borowski und das ewige Meer“ aus Kiel. Wie es aus Franken weitergeht, ist offen: Hinrichs bleibt als Voss an Bord, doch eine Nachfolge an Ringelhahns Seite hat der BR bislang nicht offiziell bestätigt. Bis dahin bleibt „Trotzdem“ der Fluchtpunkt einer Reihe, die zehn Jahre lang mit vergleichsweise ruhigen, charakterorientierten Filmen kam - und die mit Manzels Abschied ihr prägendes Gesicht verloren hat.