Am Tag nach dem 4:2 gegen Kroatien dreht sich die WM-Debatte in England nicht um Harry Kanes Doppelpack oder Jude Bellinghams Direktanschluss, sondern um zwölf Minuten Sprechpause in der Kabine des Dallas Stadium. Thomas Tuchels Halbzeitansprache beim 2:2-Stand wird in den britischen Medien als Wendepunkt eines Auftaktspiels gehandelt, das nach der ersten Halbzeit auf der Kippe stand.

Tuchel selbst beschrieb sein Vorgehen am Mittwochabend ungewöhnlich konkret. Er habe sich zunächst hingesetzt und seinen Spielern Zeit zum Runterkommen gegeben, ehe er das Wort ergriff: „Es war kurz, es war ruhig“, sagte der Bundestrainer Englands gegenüber ZDFheute. Inhaltlich habe er nur drei Dinge gefordert: „Ich möchte, dass sie mutig, tapfer, intensiv und offensiv sind.“ Die Reaktion habe ihn dann selbst überrascht: „Ich habe die Reaktion nach der Halbzeit geliebt.“

Sein Kapitän bestätigte die Anekdote auf der Pressekonferenz. Tuchel habe der Mannschaft in der Kabine gesagt, sie solle die Fesseln abwerfen: „Wenn wir verlieren, dann verlieren wir auf unsere Art“, zitierte Harry Kane den Coach laut Sport1. Der Stürmer, der mit dem zweiten Treffer zu Gary Linekers WM-Bestwert von zehn Toren aufgeschlossen hatte, sprach von „einem großen Lob“ für den Trainer.

Es war nicht einer dieser Momente mit großem Drama oder Geschrei; es war, was die Mannschaft brauchte.
- Jude Bellingham nach dem Spiel, zitiert auf ran.de

Jude Bellingham, der zwei Minuten nach Wiederanpfiff zum 3:2 traf, schilderte denselben Moment fast wortgleich. „Es war nicht einer dieser Momente mit großem Drama oder Geschrei“, sagte der Real-Madrid-Profi nach Angaben von ran.de. „Es war, was die Mannschaft brauchte.“

Britische Presse feiert „icy fury“

Die britische Berichterstattung schwenkt nach dem Sieg auf eine Tonart um, die Tuchel in seinen anderthalb Jahren als englischer Nationaltrainer selten erlebt hat. Die New York Times stuft die Halbzeitrede laut sport1.de als „eine der entscheidendsten Halbzeitansprachen in der englischen WM-Geschichte“ ein. Die BBC, die Tuchels Nominierung im Vorjahr noch kritisch begleitet hatte, attestiert ihm nun „icy fury in the first half“ - eine eisige Wut, die in der zweiten Halbzeit in Offensivdrang gekippt sei. Der Telegraph beschreibt die Pausenrede als „crucial talk“, auf den die deutlich verbesserte Vorstellung gefolgt sei.

Ex-Profis und TV-Experten greifen den Faden auf. „Sie kamen aus der Kabine und waren in den ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte einfach atemberaubend“, sagte Gary Neville im ITV-Studio. Alan Shearer lobte in der BBC „die Art und Weise, wie sie dem Druck standgehalten haben“. Wayne Rooney bilanzierte: „Das war das aufregendste Auftaktspiel eines Turniers, das ich seit langer Zeit gesehen habe.“

Klopp lacht Tuchel die Anspannung weg

Ein Bild verbreitete sich am Donnerstag besonders schnell: Jürgen Klopp, der bei MagentaTV als Experte arbeitet, fiel Tuchel nach dem Schlusspfiff um den Hals. Was der RB-Leipzig-Sportchef seinem Trainerkollegen im Spielertunnel zuflüsterte, sei „zu ihm gesagt“ worden, dass „da ja gar kein Druck drauf“ gewesen sei, gab Klopp danach selbst zu Protokoll. „War doch ein ganz einfaches Spiel.“

Für Tuchel war es nach mehreren mauen Testspielen und einer wackligen WM-Vorbereitung der erste Auftritt, an dem die englische Öffentlichkeit nicht primär an seiner Herkunft hängenblieb. Der Bundestrainer relativierte selbst. „Wir können Dinge verbessern, wir müssen im Turnier wachsen“, sagte er bei ZDFheute. England steht nach dem ersten Spieltag der Gruppe L mit drei Punkten an der Spitze. Das nächste Spiel gegen Senegal kommt schon am Samstag in Atlanta - und mit ihm die Erwartung, dass auf eine geglückte Halbzeit eine geglückte erste Halbzeit folgt.