Auf der chinesischen Seite der nepalesisch-tibetischen Grenze meldet Peking nach dem verheerenden Wasser- und Schlammabgang vom Mittwoch drei Tote und 265 Vermisste. Betroffen ist der Grenzhafen Gyirong im gleichnamigen Kreis der bezirksfreien Stadt Xigazê im Autonomen Gebiet Tibet, wie der staatliche Sender CCTV am Mittwochabend berichtete. Staats- und Parteichef Xi Jinping ordnete laut Nachrichtenagentur Xinhua an, „mit allen Kräften nach den Vermissten zu suchen“, Anwohner in Sicherheit zu bringen und Verletzte umgehend zu versorgen, um die Zahl der Opfer zu begrenzen.

Für den Grenzhafen ist der Erdrutsch ein logistischer Totalschaden. Gyirong Port gilt als wichtigster Außenhandelshafen Tibets und wickelt den Großteil des chinesisch-nepalesischen Warenverkehrs ab. Straßen, Strom- und Kommunikationsverbindungen zur Anlage waren am Mittwochabend unterbrochen; ein Retter sagte gegenüber CCTV, allein der Anmarsch zur Katastrophenstelle koste vier Stunden, weil bis zu 1,5 Meter tiefer Schlamm die Zufahrten blockiere. Nach Angaben der Regierung in Peking wurde die zweite von vier Stufen der nationalen Katastrophenreaktion ausgelöst und 120 Millionen Yuan Nothilfe für Xigazê freigegeben.

Mit allen Kräften nach den Vermissten suchen, gefährdete Bevölkerung evakuieren, Verletzte behandeln.
- Xi Jinping, laut Xinhua

574 Retter, Militärpolizei und staatliche Baukonzerne

Die Volksbefreiungsarmee und die Bewaffnete Volkspolizei entsandten laut Global Times insgesamt 574 Einsatzkräfte. Aufgeteilt sind sie in 145 Kräfte des bewaffneten Grenzschutzes aus Xigazê, 130 Soldaten des dortigen Militärkommandos, 249 Feuerwehrleute der nationalen Brand- und Katastrophenschutztruppe, 155 zusätzliche Kräfte aus Lhasa sowie 325 Ingenieure der staatseigenen Baukonzerne China Anneng und Power Construction Corporation of China. Vor Ort koordiniert Vizeministerpräsident Zhang Guoqing die Bergungsarbeiten, wie die Staatsagentur Xinhua meldete.

Xi Jinpings öffentliche Direktweisung ist in Peking ein deutliches Signal: Solche Anweisungen erteilt der Parteichef nach Einschätzung deutscher Beobachter „üblicherweise nur bei besonders schweren Katastrophen“, wie t-online unter Verweis auf Xinhua schrieb. Zugleich verwies der South China Morning Post darauf, dass derselbe Grenzübergang bereits im vergangenen Sommer von einem Erdrutsch getroffen worden war. Auf der nepalesischen Seite meldeten die Behörden am Mittwochabend mindestens 95 Tote und 384 vermisste Reisende, darunter Ausländer aus mehr als einem Dutzend Staaten. Die chinesischen Rettungskräfte warnten am Abend zusätzlich vor Nachbeben, weiteren Muren und steigenden Pegeln im Flusssystem des Bhotekoshi.