Es ist die größte Personifizierung in der Geschichte des sozialistischen Europa, und sie funktionierte nur, solange ihr Träger lebte: Arte hat am Pfingstdienstag zur Hauptsendezeit das Doku-Porträt „Tito - Der Mann, der Jugoslawien war“ ausgestrahlt. Die ARD-Sendezeit von 20:15 Uhr signalisiert den Anspruch des Senders, der Aufstieg und Zerfall des Vielvölkerstaats anhand einer einzigen Biografie erzählen will. Wer den Abend verpasst hat, kann die Doku in der Arte-Mediathek nachholen oder die Wiederholung am 8. Juni um 8:55 Uhr im linearen Programm sehen.

Die Doku zeichnet den Weg Josip Broz Titos vom gelernten Schlosser aus einem kroatischen Dorf zum kommunistischen Untergrundkämpfer und Partisanenführer im Zweiten Weltkrieg nach. Ab 1945 prägte er als Regierungschef, ab 1953 als Staatspräsident die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Tito sagte sich 1948 von Stalins Moskau los, manövrierte sein Land zwischen den Blöcken und wurde zur Galionsfigur der Bewegung der Blockfreien. Sein Tod 1980 markierte den Beginn jenes Zerfallsprozesses, der zehn Jahre später in die Jugoslawienkriege münden sollte.

Stimmen aus Kunst und Wissenschaft

Den Erzählton der Doku bestimmen vier Stimmen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Performance-Künstlerin Marina Abramović, in Belgrad geborene Tochter eines Tito-Partisanen, erinnert sich an die Atmosphäre einer Kindheit unter dem allgegenwärtigen Marschall. Der slowenische Historiker Jože Pirjevec, dessen monumentale Tito-Biografie auch im deutschen Sprachraum als Standardwerk gilt, ordnet die politische Strategie ein. Die in München lehrende Historikerin Marie-Janine Calic, Spezialistin für die Geschichte Jugoslawiens, liefert den westeuropäischen Blick. Hinzu kommt der Politikwissenschaftler Dejan Jović aus Zagreb, der die ideologischen Brüche der späten Tito-Jahre analysiert.

Anders als frühere Tito-Filme verzichtet die Doku auf den Personenkult als ästhetisches Programm. Stattdessen schneidet sie Archivmaterial - Reden, Staatsbesuche, Massenchoreografien - gegen die Erinnerungen jener, die in Titos Jugoslawien gelebt, gelitten oder gekämpft haben. Das Bild des „lebenslangen Präsidenten“, wie ihn die Verfassung 1974 offiziell bezeichnete, bekommt dadurch Risse. Die Dokumentation zeigt den Marschall in Uniform - das ist der Tito der Sammlerbilder - und das Land, das er zusammenhielt, durch eine Mischung aus persönlichem Charisma, Geheimdienst und außenpolitischer Eigenständigkeit.

Ein Land als Versprechen, das nicht hielt

Dass die Doku ausgerechnet in diesen Wochen läuft, ist kein Zufall. Mit dem 46. Todestag Titos am 4. Mai und der erneuten Debatte um Erinnerung in Ex-Jugoslawien hat Arte einen Anlass, an dem Distanz und Ambivalenz möglich werden. Die Wiederholungsschleife am Pfingstwochenende war hoch aufgelöst quotiert. Auf den Mediathek-Seiten von tvmovie.de und news.de wird die Sendung als „Geschichte eines gescheiterten Staates“ beschrieben - ein Befund, den Pirjevec im Off-Kommentar des Films aufgreift: Was Jugoslawien zusammenhielt, war am Ende eine einzige Biografie. Mit ihrem Ende endete auch das Versprechen.