Die Toten Hosen lassen sich erstmals beim Aufnehmen zusehen - und zwar zum Abschied. Seit Mittwoch ist die 90-minütige Dokumentation „Die Toten Hosen - Das letzte Album“ in der ARD-Mediathek abrufbar; am Samstag, dem 23. Mai, läuft sie um 23.25 Uhr im Ersten, unmittelbar nach dem DFB-Pokal-Finale. Der vom Regisseur Eric Friedler verantwortete Film, eine Produktion von SWR und NDR, hat die Düsseldorfer Punkband über zwei Jahre bei der Arbeit an ihrem nach eigener Aussage letzten Studioalbum begleitet.
Premiere feierte die Doku am Dienstagabend im Cinestar in Mainz. Neben Sänger Campino, Bassist Andi Meurer und Schlagzeuger Vom Ritchie kamen Gäste wie Jürgen Klopp und der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer. „Ich bin Fan, seit ich 14 war“, sagte Schweitzer gegenüber dem Magazin Merkurist. Campino lobte den Abend in Mainz: „Wunderschön, das hat mich restlos überzeugt.“
Friedler zeigt die Band in einer Situation, die sie in über 40 Jahren nie zugelassen hatte: beim eigentlichen Songschreiben, bei Streit, beim Verwerfen von Material. „Es ist frustrierend, wenn dir etwas gefällt und Campino nicht“, sagt Drummer Vom Ritchie an einer Stelle. Campino selbst beschreibt das Songwriting als einen Prozess, in dem man sich „voreinander auszieht“. Es ist eine der nüchternen, fast werkstattartigen Beobachtungen, mit denen der Film auskommt - keine Konzertüberhöhung, keine Karriere-Retrospektive.
Ich habe ein gutes Gefühl bei der Platte. Aber dass das jetzt das Ende ist, ist hart. Ich verspüre keine Euphorie. Ich bin traurig.
Inhaltlich kreist die Doku um zwei Pole. Auf der einen Seite das Material des Albums „Trink aus, wir müssen gehen!“, das am 29. Mai erscheint - zusammen mit einem Bonus-Album „Alles muss raus!“. Auf der anderen Seite die Frage, wie eine Band, die 1982 in Düsseldorf gegründet wurde und seit den späten Achtzigerjahren in der deutschen Popkultur als Synonym für rauen, aufgekratzten Pflichtbewusstseinspunk gilt, sich überhaupt entscheidet, einen Schlussstrich zu ziehen. Gitarrist Kuddel beschreibt die finale Abhör-Session als „eine perfekte Landung, im letzten Moment und überaus gelungen“. Campino dagegen wirkt im Film schwerer.
Ein zweites Vaterglück - und ein Song namens „Teddy“
Eine der persönlichen Enthüllungen des Films betrifft Campino selbst. Der Sänger ist mit 63 Jahren überraschend zum zweiten Mal Vater geworden, wie er im Film erstmals öffentlich erzählt. Den Song „Teddy“, der bereits 2025 für die Platte aufgenommen wurde, hat die Band ihrem Baby gewidmet. Die Schweizer Zeitung „20 Minuten“ und „t-online“ greifen den Familien-Aspekt prominent auf - er passt zur Erzählweise des Films, der die persönliche Substanz hinter dem Studio-Material immer wieder sichtbar macht, ohne sie auszuschlachten.
Strategisch markiert die Doku auch das Ende einer bestimmten Phase deutscher Pop-Promotion. Die Toten Hosen haben über Jahrzehnte hinweg eine Vermarktung gewählt, die mit klassischen TV-Auftritten und Stadiontour-Logik arbeitete. Dass nun ausgerechnet eine ARD-Doku den Abschied einleitet - vor dem Album, vor der Tour, im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm - zeigt, in welchem Bereich die Band ihr Publikum heute vermutet: Bei jenen, die mit ihr älter geworden sind, und bei den Nachfolgejahrgängen, die über Mediathek und Streaming an Pop-Geschichte herankommen.
Ob es wirklich das letzte Album ist, lässt Campino in den Interviews bewusst offen. Endgültige Erklärungen vermeidet die Band. Was die Doku festhält, ist weniger eine Trennungs-Ansage als eine Bestandsaufnahme: ein in zwei Jahren entstandenes Studio-Werk, dokumentiert von einem Regisseur, der zuvor unter anderem für Filme über Bob Dylan und über Klaus Voormann bekannt geworden ist. „Trink aus, wir müssen gehen!“ ist auf den 29. Mai datiert. Die zugehörige Tour ist ab Sommer angekündigt. Was danach kommt, bleibt der zentralen Frage des Films vorbehalten - und damit deren wichtigster Antwort: vielleicht.