Die 113. Tour de France geht am Sonntag mit einer der ungewöhnlichsten zweiten Etappen ihrer jüngeren Geschichte weiter. Auf 168,5 Kilometern führt die Strecke von Tarragona zurück nach Barcelona - und endet in einem dreifachen Anstieg auf den Montjuïc, den Hausberg der katalanischen Hauptstadt. Der Start ist für 13:45 Uhr geplant, das Ziel wird gegen 17:26 Uhr erwartet. Für die Sprinter ist der Tag gelaufen, bevor er richtig begonnen hat. Für die Puncher und Bergspezialisten öffnet sich die erste ernsthafte Angriffszone der Rundfahrt.

Die ersten 77 Kilometer folgen der Küstenlinie und sind, wie das Fachmagazin Tour beschreibt, „überwiegend flach“. Danach kippt das Profil. Der Anstieg zur Côte de Begues (2. Kategorie, sechs Kilometer bei 6,5 Prozent) leitet auf einen Rundkurs in Barcelona über, der zweieinhalbmal über den Montjuïc führt. Der entscheidende Anstieg ist nur 1,6 Kilometer lang, hat es aber in sich: durchschnittlich 9,3 Prozent Steigung, ein 100-Meter-Segment bei 12,3 Prozent, und in den letzten 400 Metern brutale 13 Prozent. Insgesamt kommen 2500 Höhenmeter zusammen.

Als Gesamtführender geht Jonas Vingegaard ins Rennen, zum ersten Mal seit 2023 wieder im Gelben Trikot. Team Visma - Lease a Bike hatte das Auftaktzeitfahren am Samstag gewonnen, der Däne persönlich landete auf Platz eins. Filippo Ganna liegt als Zweiter der Gesamtwertung acht Sekunden zurück, Tadej Pogačar zwölf, Juan Ayuso sechzehn, Remco Evenepoel neunzehn. Florian Lipowitz ist als bester Deutscher Achter, 35 Sekunden hinter Vingegaard - und damit auch sechzehn Sekunden hinter seinem eigenen Red-Bull-Kapitän Evenepoel.

Ein perfekter Start für uns. Aber es ist nur die erste Etappe. Wir haben einen kleinen Vorsprung, aber der Weg ist noch lang.
- Jonas Vingegaard, Team Visma - Lease a Bike, nach dem Auftaktzeitfahren

Die spannendere Frage lautet nicht, wer am Sonntag gewinnt, sondern wer sich sekundenweise Zeit zurückholt. Pogačar hat bei früheren Grand Départs an vergleichbaren Ausgangslagen mehrfach schon in der ersten Woche wieder das Gelbe Trikot übernommen. Der Slowene deutete gegenüber Cyclingnews an, dass er die Rampen am Montjuïc als erste Chance sehe, den Rückstand zu drücken. UAE-Chef Mauro Gianetti hatte nach der ersten Etappe demonstrativ die Bergetappen ab Woche zwei betont - doch der Katalonien-Kurs des Anstiegs ist steil genug, um GC-Sekunden zu verschieben.

Van der Poel, Pogačar - und die Frage nach Red Bull

Für den Tagessieg gelten Mathieu van der Poel und Pogačar selbst als Favoriten. Der Niederländer sortiert sich nach eigenen Aussagen bei Alpecin-Deceuninck auf jene Etappen ein, die technisch anspruchsvoll und explosiv sind - eine Beschreibung, die auf Montjuïc passt. Ähnlich sehen es Beobachter für Etappenjäger wie Ben Healy (EF Education-EasyPost) und den 23-jährigen Franzosen Romain Grégoire (Groupama-FDJ United), die auf kurzen, harten Anstiegen ihre Chance suchen dürften.

Bei Red Bull - Bora - hansgrohe stellt sich die taktische Frage, wie das Team die Doppel-Kapitäne einsetzt. Lipowitz sagte nach dem Auftakt, es komme „am Ende nicht auf ein paar Sekunden an“, die Zahl der Gelegenheiten für eine Attacke bis Paris sei groß genug. Sportlicher Leiter Patxi Vila hatte gegenüber der Sportschau die konservative Zeitfahren-Taktik verteidigt. Ob das Team am Sonntag mit Evenepoel offensiv wird oder das GC-Feld erst einmal beobachtet, ist die eine Personalie, an der die deutsche Radsport-Öffentlichkeit die zweite Etappe messen wird. Die andere ist Vingegaard: Kann er das Gelbe Trikot mit einer defensiven Fahrt am Hinterrad der Punchers halten, oder muss er selbst auf den 13-Prozent-Rampen die Beine zeigen?