Zum ersten Mal in der 123-jährigen Geschichte der Tour de France wird eine Etappe wegen extremer Hitze verkürzt. Die Tour-Organisation ASO kappte am Sonntagmorgen die 9. Etappe von 185,5 auf 155,5 Kilometer, nachdem die französische Wetterbehörde Météo-France für das Département Corrèze die höchste Warnstufe Rot ausgerufen hatte. Für den Start in Malemort werden bis zu 40 Grad erwartet, im Ziel in Ussel gegen 17:30 Uhr noch 35 Grad. Das Feld verzichtet auf die ersten 30 Kilometer und schließt bei Lanteuil auf die Originalstrecke auf.
Die Entscheidung fiel im UCI-Extremwetterprotokoll, das der Radsport-Weltverband nach dem Hitzetod des belgischen Amateurs Bjorg Lambrecht 2019 verankert hatte. Die rote Zone erlaubt zusätzliche Verpflegungsstellen, Startverschiebungen, Streckenkürzungen bis hin zur Absage einer Etappe. „Diese Entscheidung wurde aufgrund der außergewöhnlichen Wetterbedingungen notwendig“, teilte die Tour-Organisation mit; sie solle sicherstellen, dass das Rennen „unter Bedingungen stattfinden kann, die mit der roten Hitzewarnung vereinbar sind“. Bereits auf der 6. Etappe am Col du Tourmalet hatte die UCI die rote Protokollstufe aktiviert, damals bei 35 Grad.
Wir müssen unsere Körper ständig kühlen und versuchen, die Etappe zu überstehen.
Pogacar warnt vor „logistischem Albtraum“
Der slowenische Gesamtführende Tadej Pogacar kritisierte die späten Startzeiten, die das Peloton laut Radsport-Aktuell „in die heißeste Phase des Nachmittags“ zwingen, und sprach von einem „logistischen Albtraum für die Teams“. Auch Tom Pidcock hatte nach der 3. Etappe von einer Erfahrung berichtet, wie er sie in seiner Karriere „bei vergleichbarer Hitze“ noch nie gemacht habe. Der technische Tour-Direktor Thierry Gouvenou räumte gegenüber dem Tour-Magazin ein, das Thema Extremhitze bereite den Organisatoren „große Sorgen“.
Der französische Innenminister Laurent Nuñez koordinierte die Entscheidung mit den Präfekturen des Départements. Für Frankreich ist die aktuelle Hitzewelle bereits die dritte in diesem Sommer; die Wetterdienste sprechen von den höchsten Juli-Temperaturen seit Beginn der modernen Aufzeichnungen 1947. Der 30-Kilometer-Schnitt streicht vor allem den flachen Anfangsteil, die vier kategorisierten Anstiege des Massif Central - Côte de Naves, Suc au May, Côte de la Croix du Pey und Mont Bessou - bleiben im Rennen. Rund 3.000 Höhenmeter machen die verkürzte Etappe zur klassischen Ausreißerbeute vor dem ersten Ruhetag der Tour am Montag.
Sicherheitsdiskussion trifft ein Zeitalter der Hitzewellen
Die Kürzung greift eine Debatte auf, die den Radsport seit Jahren begleitet. Die Fahrergewerkschaft Cyclistes Professionnels Associés (CPA) fordert seit 2023 verbindliche Hitze-Grenzwerte; die Tour-Organisation stützte sich bisher auf Einzelfallentscheidungen. In Rheinland-Pfalz, in Bayern und in Süddeutschland verzeichnete der Deutsche Wetterdienst am Sonntag Höchstwerte um die 38 Grad; die europäische Union der Sportmediziner hatte in dieser Woche eine standardisierte „Hitze-Ampel“ für Ausdauerwettkämpfe gefordert. Für die Tour heißt das an diesem Sonntag: Etappenstart 13:45 Uhr, das Peloton fährt eine Etappe, die es so noch nie gegeben hat.