Eine russische Drohne hat in der Nacht zum Sonntag das zentrale Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente in der Sperrzone um das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl getroffen. Nach Angaben der ukrainischen Atomaufsicht Energoatom schlug die Shahed-Drohne gegen 02:10 Uhr Ortszeit in die Annahmestelle für Brennelementbehälter ein. Das Gebäude wurde teilweise zerstört, ein Brand auf rund 40 Quadratmetern wurde gelöscht. Verletzte gab es nicht, die Strahlenwerte blieben im Normalbereich.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am Sonntag von einem „außerordentlich hinterhältigen russischen Angriff“ auf ein „extrem kritisches Stück Infrastruktur“. Russland habe das Lager vorsätzlich getroffen, schrieb Selenskyj auf Telegram und beklagte „eine Zunahme der Dreistigkeit Russlands, die längst jedes Maß überschritten hat“. Die Anlage liegt nur wenige Kilometer vom havarierten Reaktorblock 4 entfernt, der seit 2016 vom Neuen Sicheren Einschluss überwölbt wird.

Energoatom teilte mit, in dem getroffenen Gebäude seien zum Zeitpunkt des Angriffs keine Brennelemente gelagert gewesen. Fassade, Fenster und Türen wurden durch die Detonation beschädigt, auch benachbarte Gebäude trugen Schäden davon. Die Internationale Atomenergieorganisation IAEA bestätigte gegenüber dem Tagesspiegel, sie sei von der ukrainischen Seite über „erhebliche Schäden“ informiert worden, und kündigte den Besuch eines Expertenteams an.

Der Vorfall ist äußerst besorgniserregend - dort lagern nur wenige Meter entfernt große Mengen Kernmaterial.
- Rafael Grossi, IAEA-Generaldirektor, laut Berliner Zeitung

Brüsseler und Berliner Reaktionen

Außenminister Johann Wadephul hatte schon am Samstag erklärt, die deutsche Unterstützung für die Ukraine sei „unerschütterlich“, nachdem Kremlchef Wladimir Putin ein Verhandlungsangebot Selenskyjs zurückgewiesen hatte. Eine spezielle Reaktion des Auswärtigen Amts auf den Drohnenangriff lag am frühen Sonntagabend noch nicht vor. Selenskyj hatte erst Mitte der Woche in einem offenen Brief an Putin ein Treffen in einem Drittland angeboten, wie wir am 5. Juni berichteten.

Das jetzt getroffene zentrale Zwischenlager war 2020 in Betrieb gegangen und sollte die abgebrannten Brennelemente aus den drei früheren Reaktorblöcken aufnehmen, die nach der Katastrophe von 1986 lange Jahre weiter Strom geliefert hatten. Damit verlagert sich der Krieg erneut auf eine zivile Nuklearanlage - nach den wiederholten Vorfällen am ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja und der Beschädigung der Schutzhülle über Reaktorblock 4 im Februar 2025, für deren Reparatur die USA zuletzt 100 Millionen Dollar zugesagt hatten, wie das Handelsblatt am Sonntag schrieb.

Die IAEA forderte erneut maximale militärische Zurückhaltung rund um Nuklearanlagen und die vollständige Einhaltung der Sicherheitsregeln, die ihre Inspektoren in der Ukraine durchsetzen sollen. Mit dem Treffer in der Sperrzone verschärft sich die Sorge der Behörde, die seit der Beschädigung der Schutzhülle über Reaktor 4 im Februar 2025 ein permanentes Inspektorenteam in Tschernobyl unterhält. Ein Expertenteam soll laut Tagesspiegel zeitnah anreisen und das beschädigte Lager begutachten.