Nach Englands 1:2-Aus im WM-Halbfinale gegen Argentinien am Dienstagabend in Atlanta steht Bundestrainer Thomas Tuchel im Zentrum einer Debatte über seine defensive Umstellung nach der 1:0-Führung. Der 52-Jährige wechselte kurz nach dem Führungstor von Anthony Gordon in der 55. Minute mit Dan Burn, Nico O'Reilly und Ezri Konsa gleich drei Verteidiger ein und ließ auf eine Fünferkette umstellen. Argentinien drehte die Partie danach durch zwei Vorlagen von Lionel Messi, wie ZDFheute in seiner Analyse festhält.
In den Interviews nach dem Spiel äußerte sich Tuchel selbstkritisch, ohne seine Personalwechsel zurückzunehmen. „Ich übernehme die Verantwortung, aber ich bereue nichts“, sagte er gegenüber MagentaTV. Die Umstellung begründete er auf Sky Sport: „Wir wollten in der Luft stärker sein. Direkt nach unserem Tor haben wir viel zu viele Flanken kassiert. Argentinien hatte vier Mann in einer Linie zum Angriff, und darauf wollte ich reagieren.“ Am gleichen Ort räumte der Deutsche ein: „Natürlich gibt es danach immer Leute, die es besser wissen.“
Absolut unbegreiflich, dass man ausgerechnet gegen den besten Fußballspieler aller Zeiten die Taktik verfolgt, seine Spieler tief stehenzulassen.
Aus dem Kreis der englischen Fußballlegenden kam die schärfste Kritik. Wayne Rooney warf Tuchel bei der BBC vor, „förmlich nach Ärger“ gesucht zu haben: „Wenn man Messi und Argentinien erlaubt, dass sie auf einen zustürmen, dann sucht man förmlich nach Ärger. Die Wechsel, die wir vorgenommen haben, haben uns nicht geholfen.“ Ex-Torhüter Joe Hart urteilte im BBC-Studio, Tuchels Systemwechsel sei „seine Art zu sagen, dass er nicht genug Glauben ins Team hatte“. Kolumnist Chris Sutton nannte den Coaching-Ansatz eine „Katastrophe“.
Auch die britische Boulevardpresse ging mit dem Bundestrainer ins Gericht. Die „Sun“ wertete die Wechsel als „feige“, der „Daily Star“ sprach von einer „katastrophalen Entscheidung“, die nach hinten losging. Der „Mirror“ titelte „Herzzerreißend“, wie die Sportschau in ihrer Pressestimmen-Übersicht dokumentiert. Auch der frühere Innenverteidiger Micah Richards, heute BBC-Experte, kritisierte die Umstellung auf die Dreierkette der Innenverteidiger scharf.
Rückendeckung von der FA, Guardiola in den Wettbüros
Trotz des öffentlichen Sperrfeuers hält die Football Association an ihrem Cheftrainer fest. Tuchels Vertrag läuft bis zur Heim-Europameisterschaft 2028, die England gemeinsam mit Schottland, Wales und der Republik Irland ausrichtet. „We keep on going with the contract until the home Euros“, bekräftigte Tuchel nach der Partie. FA-Verantwortliche hatten dem 52-Jährigen bereits vor dem Turnier einen längeren Zyklus zugesagt, der Weg ins Halbfinale gilt intern als Bestätigung des eingeschlagenen Kurses.
Bei den Wettanbietern rangiert Pep Guardiola als möglicher Nachfolger auf Platz eins, sollte sich die Lage doch drehen. Der frühere Manchester-City-Trainer hat aber mehrfach betont, dass er nach dem Abschied vom Etihad Stadium zunächst eine Auszeit will. „Ich habe keinen absoluten Plan“ für die Zukunft, so Guardiola in einem Interview, aus dem AOL zitiert. Für die FA bleibt Tuchel damit vorerst die einzige Option, die aktiv verfolgt wird.
Für Argentinien geht es am Sonntag im MetLife Stadium in New Jersey gegen Spanien um den WM-Titel. England verlässt Atlanta am Mittwoch. Tuchel hatte kurz vor dem Turnier angekündigt, nach dem Ende der WM eine Analyse-Phase einzulegen, bevor die Vorbereitung auf die Qualifikations-Endphase zur EM 2028 startet. Die Fragen zur Fünferkette in Atlanta wird er bis dahin mitnehmen.