Es war ein Termin mit Symbolkraft: Zum Auftakt des Pride Month verlieh Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) am Dienstag in der Düsseldorfer Staatskanzlei den Verdienstorden des Landes an 15 Persönlichkeiten, die sich für die Gleichstellung queerer Menschen und gegen Diskriminierung verdient gemacht haben. Unter den Geehrten war der Schauspieler Georg Uecker - der frühere Lindenstraße-Star kämpfte sichtbar mit den Tränen, wie queer.de aus der Zeremonie berichtete.
Der Verdienstorden ist die höchste Auszeichnung, die das Land NRW zu vergeben hat. Wüst betonte in seiner Rede, dass in einer Demokratie jeder Mensch „frei leben und lieben können - ohne Angst und Vorurteile“ müsse, wie das Portal WEB.de aus der Zeremonie zitiert. Mit Blick auf den ebenfalls ausgezeichneten grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der wegen anhaltender Drohungen unter Personenschutz steht, verwies der Ministerpräsident darauf, dass das Eintreten für die Menschenwürde in Deutschland nach wie vor erheblichen Mut erfordere.
Für den 63-jährigen Uecker, der über drei Jahrzehnte den schwulen Arzt Dr. Carsten Flöter in der „Lindenstraße“ spielte, war der Auftritt eine späte öffentliche Würdigung. Die ARD-Serie endete 2020, danach hatte sich Uecker weitgehend aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Seit 1993 lebt er mit HIV; vor Jahren kam eine Hodgkin-Diagnose hinzu, ein Lymphdrüsenkrebs, den er nach eigener Aussage überstanden hat. „Mir geht's sehr gut“, sagte er der Bild-Zeitung vor der Verleihung. Den Orden nehme er „aus Respekt“ entgegen, ergänzte er gegenüber dem Portal L'essentiel.
Erster schwuler Kuss als Meilenstein
Mit der Ehrung würdigt das Land NRW auch jenen Moment, der 1990 in der „Lindenstraße“ Fernsehgeschichte schrieb: Ueckers Figur tauschte als erste in einer deutschen Primetime-Serie einen Kuss mit einem anderen Mann, Schauspieler Martin Armknecht. Die Szene löste Drohbriefe und Proteste aus; Uecker stand zeitweise unter Personenschutz, wie t-online in einem Porträt rekapituliert. Serienschöpfer Hans W. Geißendörfer, inzwischen 85, ließ den Orden stellvertretend von seiner Tochter Hana entgegennehmen. Auch Ueckers Lindenstraße-Kollege Claus Vinçon (69), der über Jahre den Partner von Flöter spielte, wurde geehrt.
Die Geehrtenliste zog sich quer durch die queere Bewegung der vergangenen Jahrzehnte. Neben Beck, einem der zentralen Wegbereiter der Ehe für alle, erhielten unter anderem der frühere Moderator Ralph Morgenstern, die Liedermacherin Carolina Brauckmann, die Moderatorin Ricarda Hofmann sowie Aktivistinnen und Aktivisten aus den Aidshilfen Köln und Paderborn, dem LSBTIQ*-Forum Düsseldorf und dem Queeren Netzwerk NRW den Orden. Die Stuttgarter Nachrichten zitieren Wüst mit der Würdigung, die Geehrten hätten Sichtbarkeit geschaffen und gesellschaftliche Grenzen verschoben.
Ich fühle mich sehr geehrt, aber habe absolut nicht damit gerechnet.
Für Uecker fügt sich der Verdienstorden in eine Phase vorsichtiger Rückkehr ein. Er tourt nach eigenen Angaben wieder mit seiner Autobiografie „Ich mach dann mal weiter“ durch deutsche Theater und hatte zuletzt von einem Urlaub in Mexiko erzählt. Die Bilder aus der Düsseldorfer Staatskanzlei zeigen ihn, wie er sich mehrfach über die Augen wischt, während Wüst die Ordensspange anlegt. Eine späte staatliche Geste an einen Schauspieler, dessen Rolle vor 36 Jahren die deutsche Fernsehlandschaft verändert hat und der seither eine sichtbare Stimme für Menschen mit HIV geblieben ist.