Der europäische Fußball hat sich am Donnerstag geschlossen gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino aufgestellt. In einer digitalen Krisensitzung am Nachmittag beschlossen alle 55 UEFA-Nationalverbände einstimmig einen Boykott sämtlicher FIFA-Wettbewerbe, sollte Infantino seinen Plan zur Öffnung des Weltverbands für private Investoren durchsetzen. Als erstes Turnier stünde damit die Frauen-WM 2027 in Brasilien auf der Kippe.

Was am Morgen noch als Option auf dem UEFA-Tisch lag, ist damit eine formelle, einstimmige Entscheidung. Infantino hatte den 211 Mitgliedsverbänden am Dienstag den Plan vorgelegt, die kommerziellen Rechte an Weltmeisterschaft und Club-WM in eine mit 20 Milliarden US-Dollar bewertete Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE) auszulagern und bis zu 4,2 Milliarden Dollar von privaten Investoren einzusammeln. Als Ankerinvestor ist der US-Fonds Thrive Eternal des Thrive-Capital-Gründers Joshua Kushner vorgesehen, wie Time und Bloomberg berichteten.

Die UEFA formulierte am Abend eine bewusst harte Erklärung. „Als Ergebnis der heutigen Diskussion werden keine UEFA-Nationalmannschaften an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, solange diese Vorschläge noch im Raum stehen“, teilte der Kontinentalverband nach der Sitzung mit. Der Boykott gelte so lange, bis der Vorschlag „vollständig verworfen“ und verbindliche Zusicherungen gegeben würden, dass die FIFA ihre Führungsstrukturen oder Wettbewerbe „niemals wieder für private Eigentümer öffnen wird“. Die Botschaft, die die UEFA in mehreren Sprachen wiederholte: „Die WM steht nicht zum Verkauf.“

Die UEFA und ihre 55 Mitgliedsverbände stehen geschlossen zusammen. Wir lehnen den Vorschlag der FIFA, Eigentumsanteile an der Weltmeisterschaft und anderen FIFA-Wettbewerben auf private Investoren zu übertragen, einstimmig und unmissverständlich ab.
- UEFA-Statement, 30. Juli 2026

Deutsche Front hinter Ceferin

Der DFB steht laut SID-Informationen vollständig hinter der Erklärung von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte den Vorstoß bereits vor der Sitzung als „fatales Zeichen“ und „nicht zustimmungsfähig“ bezeichnet. Vize-Präsident Hans-Joachim Watzke, seit Juni Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, sprach im Kicker von einem „absoluten Angriff auf den Fußball“ und verwies auf das sportliche Gewicht Europas bei der WM 2026: sechs von acht Viertelfinalisten und drei Halbfinalisten kamen vom Kontinent.

Erstes Ziel: die Frauen-WM 2027

Ein konsequent umgesetzter Boykott würde als nächstes die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien treffen, für die die europäische Qualifikation bereits im Herbst 2026 beginnt. Auch die Männer-WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko sowie die auf 32 Teams erweiterte Klub-WM stünden im Feuer. Die europäischen Verbände stellen 16 der 48 WM-Startplätze und liefern traditionell den Großteil der TV-relevanten Nationen. Rückendeckung erhielt die UEFA nach Angaben von Spox auch von den Kontinentalverbänden CONCACAF und AFC, die den Vorstoß ebenfalls scharf kritisierten.

Infantino reagierte defensiv. Sein Vorschlag sei „ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses. Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung“, zitierten ihn mehrere Medien. Bis zum 19. September haben die 211 Mitgliedsverbände Zeit zuzustimmen; für die einfache Mehrheit von 106 Stimmen fehlen der FIFA nun sämtliche 55 Europäer plus die abgesprungenen Kontinentalverbände. In Zürich stellt sich damit weniger die Frage, ob Infantinos Plan noch mehrheitsfähig ist, sondern wie er sich ohne größeren Gesichtsverlust wieder einsammeln lässt.