Die Ukraine hat in der Nacht zum Donnerstag einen der schwersten Drohnenangriffe auf Moskau seit Beginn des russischen Angriffskriegs geflogen. Im Südosten der russischen Hauptstadt traf die Gazpromneft-Raffinerie im Stadtteil Kapotnja, eine der größten Anlagen Russlands mit einer Jahreskapazität von elf Millionen Tonnen. Über dem Werk standen am Morgen dichte Rauchsäulen, das unabhängige russische Portal Astra identifizierte anhand von Videoaufnahmen mindestens fünf Brandherde auf dem Gelände.
Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin bestätigte die Treffer und sprach von „einem der schwersten ukrainischen Drohnenangriffe auf Moskau seit Kriegsbeginn“. „Einigen Drohnen sei es gelungen, die Raffinerie zu erreichen“, räumte er ein, wie die ZDFheute berichtet. Die Luftabwehr habe in der Nacht über 190 Drohnen abgeschossen, landesweit zählte das russische Verteidigungsministerium mehr als 550 abgefangene Flugkörper. Die vier Moskauer Flughäfen, darunter Scheremetjewo, blieben mehrere Stunden geschlossen, Passagiere wurden in Schutzräume gebracht.
Es war binnen zwei Tagen der dritte Angriff auf die Anlage in Kapotnja. Ein Wohnhaus in Moskau wurde getroffen, ein Hochhaus im Umland beschädigt, ein großes Gartencenter erlitt einen direkten Treffer, ein Einkaufszentrum leichte Schäden durch herabfallende Trümmer. Verletzte aus Moskau und Umgebung meldeten die Behörden zunächst nicht. Im Gebiet Belgorod kam nach russischen Angaben ein Mensch ums Leben.
Eine gerechte Antwort auf die ständigen russischen Schläge gegen ukrainische Städte und Gemeinden.
Präsident Wolodymyr Selenskyj ordnete die Welle als Teil ukrainischer „Langstrecken-Sanktionen“ gegen die russische Ölindustrie ein. Die Raffinerie sei „ein für die russische Kriegsmaschinerie wichtiges Objekt“, so der ukrainische Präsident. Die Anlage versorgt einen erheblichen Teil Moskaus mit Treibstoff. Kiew hat in den vergangenen Monaten den Druck auf das russische Hinterland systematisch erhöht: Ziel ist es, die Nachschubwege für die Truppen an der Front und die Devisenerlöse des Kremls aus dem Ölgeschäft zu treffen.
Druck auf den Treibstoffmarkt
Russland hat seit Beginn der Großoffensive im Februar 2022 wiederholt mit Kraftstoffknappheit zu kämpfen. Wie die Tagesschau-Redaktionen berichten, muss das Land mittlerweile zusätzliche Mengen Treibstoff auf dem Seeweg importieren, weil die kumulierten Schäden an Raffinerien die Eigenversorgung belasten. Kapotnja deckt für Moskau und das Umland einen besonders sensiblen Anteil ab. Wie schnell der Betrieb wieder hochgefahren werden kann, ist offen; das russische Energieministerium äußerte sich am Donnerstag nicht zu Reparaturzeiten.
Auf ukrainischer Seite meldeten die Behörden Gegenangriffe russischer Drohnen und Raketen, mit Toten und Verletzten in Sumy. Die internationalen diplomatischen Bemühungen um einen Waffenstillstand stocken weiter. In Brüssel beraten EU-Staaten am Donnerstagnachmittag über ein neues Sanktionspaket, das nach Angaben mehrerer Diplomaten verschärfte Maßnahmen gegen die russische Schattenflotte im Ölhandel vorsieht. Der Angriff auf Kapotnja unterstreicht, dass beide Seiten die Energieinfrastruktur des Gegners zur strategischen Hauptbühne machen.