Die Ukraine hat in der Nacht zum Sonntag eine der größten Drohnenwellen des Krieges auf den Großraum Moskau gerichtet. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums fing die Luftabwehr mehr als 550 Drohnen ab, allein über der Region Moskau seien es binnen 24 Stunden rund 120 gewesen. Mehrere Geschosse durchdrangen die Abwehr dennoch und trafen Öl- und Industrieanlagen rund um die Hauptstadt - Ziele, die teils mehr als 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegen.
In der Region Moskau kamen nach Behördenangaben mindestens drei Menschen ums Leben, mehrere wurden verletzt. In Chimki nordwestlich der Stadt starb eine Frau, als eine Drohne ihr Haus traf; in einem Dorf nordöstlich von Moskau kamen zwei Männer ums Leben. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin meldete zwölf verletzte Arbeiter an der Ölraffinerie im Stadtteil Kapotnja, die durch ihre Nähe zum Zentrum als besonders gut geschützt gilt. Wie der Tagesspiegel berichtet, gerieten zudem ein Treibstofflager bei Solnetschnogorsk nordwestlich der Hauptstadt sowie ein Technologiepark in Selenograd in Brand, in dem russische Mikroelektronik- und Rüstungsfirmen sitzen. Mehrere Moskauer Flughäfen stellten den Betrieb zeitweise ein, Flüge wurden gestrichen oder umgeleitet.
Selenskyj spricht von Langstreckensanktionen
Präsident Wolodymyr Selenskyj wertete die Angriffe in seiner abendlichen Videoansprache als Beginn einer neuen Phase des Krieges. Die Schläge gegen Industrieanlagen tief in Russland nannte er „Langstreckensanktionen“. Die Russen sollten sich Gedanken „über ihre eigenen Raffinerien, ihre Ölförderanlagen und ihre Unternehmen“ machen, sagte Selenskyj; der Krieg kehre damit „in seinen Heimathafen zurück“. Das ukrainische Verteidigungsministerium formulierte es auf der Plattform Threads knapper: „Der Krieg kehrt dorthin zurück, wo er hergekommen ist.“
Diese Reichweite unserer Waffen ist es, die die Lage und die allgemeine Wahrnehmung des russischen Krieges in der Welt erheblich verändert.
Der Vorstoß ist die Spiegelung dessen, was Russland in den Tagen zuvor der Ukraine zugefügt hatte. Wie wir am Freitag berichteten, waren bei russischen Drohnen- und Raketenangriffen auf Kiew mindestens 21 Menschen getötet worden, darunter drei Kinder. Parallel zu den Schlägen auf Moskau meldete die Ukraine, sie habe das russische Patrouillenboot „Swetljak“ im Kaspischen Meer mit einer Drohne aus knapp 1.000 Kilometern Entfernung versenkt - nach ukrainischen Angaben das vierte russische Kriegsschiff, das im Mai dort zerstört wurde.
Kreml signalisiert Gesprächsbereitschaft
Trotz der Eskalation kamen aus Moskau erstmals seit Wochen versöhnlichere Töne. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am Sonntag, Russland sei zu Gesprächen mit der EU bereit: „Die russische Seite ist dafür offen.“ Eine Beteiligung der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas an möglichen Verhandlungen wies Peskow allerdings zurück. Ob die Andeutung mehr ist als eine Reaktion auf die brennenden Anlagen vor den Toren Moskaus, ließ der Kreml offen. Konkrete Bedingungen für eine Waffenruhe nannte Peskow nicht.