Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU hat am Sonntag in einer koordinierten Drohnenoperation mehrere strategische Bomberbasen tief auf russischem Territorium angegriffen. Nach Darstellung Kiews wurden bei der Operation mit dem Codenamen „Spinnennetz“ (ukrainisch: Pawutyna) rund 40 Kampf- und Aufklärungsflugzeuge zerstört oder beschädigt, darunter Maschinen der Typen Tu-95, Tu-22M3 und Berijew A-50. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach in einer Videoansprache von einem „brillanten Erfolg“ und nannte die Operation den größten Schlag der ukrainischen Streitkräfte gegen Russlands Luftwaffe seit Beginn des Krieges.

Die Angriffe trafen nach Angaben der SBU vier Flugplätze in unterschiedlichen Militärbezirken: Belaja in der sibirischen Region Irkutsk, Djagilewo bei Rjasan rund 200 Kilometer südöstlich von Moskau, Iwanowo-Sewerny nordöstlich der Hauptstadt sowie Olenya in der Region Murmansk an der Polarküste. Ein fünfter Angriff im fernöstlichen Amur soll fehlgeschlagen sein. Russlands Verteidigungsministerium bestätigte „Schäden an mehreren Flugzeugen“, sprach aber von zurückgeschlagenen Angriffen.

Lkw, Containerdach, FPV-Drohne

Die Operation lief nach SBU-Angaben mehr als 18 Monate. SBU-Chef Wassyl Maljuk plante die Aktion gemeinsam mit Selenskyj, der nach eigenen Angaben fortlaufend eingebunden war. Bauteile für die Drohnen wurden über Drittstaaten nach Russland geschmuggelt, dort in Container montiert und auf Lkw als mobile Holzhäuser getarnt. Die Container-Dächer ließen sich aus der Ferne öffnen, woraufhin 117 FPV-Drohnen mit eigenem Piloten starteten - jede mit autonomer Zielerkennung per KI und manueller Endkorrektur. Die Lkw-Fahrer wussten nach SBU-Darstellung nicht, was sie transportierten.

Ein Jahr, sechs Monate und neun Tage vom Planungsbeginn bis zur effektiven Umsetzung.
- Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, auf X

Die Schadensbilanz bleibt umstritten. Die ukrainische Seite beziffert die Verluste auf rund 41 Flugzeuge und 34 Prozent der russischen Trägerflotte für Marschflugkörper. US-Geheimdienste sollen laut „New York Times“ von rund 20 getroffenen und zehn vollständig zerstörten Maschinen ausgehen. Auf Satellitenbildern, die in den Stunden nach dem Angriff zirkulierten, sind bislang vier Tu-22M3, vier Tu-95 und eine An-12-Transportmaschine als zerstört zu identifizieren - daneben Flugzeugattrappen, die einen Teil der Drohnen auf falsche Ziele zogen. Die SBU schätzt den Sachschaden auf rund sieben Milliarden Dollar bei eigenen Kosten von unter zwei Millionen Dollar.

Lücke in der Trägerflotte

Strategisch trifft der Schlag die Trägerflotte, die Russland für Marschflugkörperangriffe auf ukrainische Städte einsetzt. Die Tu-95 und Tu-22M3 sind seit der Sowjetzeit im Dienst, Ersatz lässt sich kaum produzieren. Westliche Militäranalysten sprachen von einer „asymmetrischen Operation, die das Verhältnis von Aufwand und Wirkung neu definiert“, wie die NZZ schrieb. Auch im Kreml-nahen Umfeld wurde Kritik laut: Russische Militärblogger beklagten Versagen bei der Sicherung der Basen, die zum Teil tausende Kilometer von der Front entfernt liegen. Im Vorfeld neuer Verhandlungen zwischen ukrainischer und russischer Delegation in Istanbul setzt Kiew damit ein militärisches Zeichen - die Wirkung auf den diplomatischen Tisch ist offen.