Netflix hat am 25. September den Spielfilm „Unabomber“ veröffentlicht, ein 97-minütiges Drama über den US-Terroristen Ted Kaczynski, der zwischen 1978 und 1995 mit 16 selbstgebauten Paketbomben drei Menschen tötete und mehr als zwanzig verletzte. Regie führt der dänische Filmemacher Janus Metz. In den Hauptrollen: Jacob Tremblay als junger Kaczynski, Russell Crowe als Harvard-Psychologe Henry Murray und Shailene Woodley als fiktive FBI-Ermittlerin Joanne Miller.
Metz verschränkt zwei Zeitebenen: Kaczynskis Zeit als Mathematikstudent an der Harvard University Ende der 1950er Jahre und die FBI-Fahndung Mitte der 1990er. Das Drehbuch von Sam Chalsen und Nelson Greaves verdichtet die reale Ermittlung eines ganzen Beamten-Teams zur Einzelfigur Miller.
Historisch belegt ist Kaczynskis Teilnahme an einer Reihe psychologischer Stress-Studien unter Murray, der während des Zweiten Weltkriegs für den US-Geheimdienst OSS gearbeitet hatte. Kaczynski, der mit 16 nach Harvard kam, war dreieinhalb Jahre lang Proband. Der Film legt einen Kausalzusammenhang zwischen diesen Experimenten und der späteren Radikalisierung nahe. Belegt ist ein solcher Zusammenhang nicht.
Die deutsche Kritik reagiert gespalten. Bei Filmstarts vergibt Lutz Granert 2,5 von 5 Sternen. Tremblay und Crowe lieferten starke Performances, strukturell aber scheitere das Konzept: „So gelingt der Spagat zwischen spannendem Thriller und beklemmendem Psychogramm trotz der spielfreudigen Jacob Tremblay und Russell Crowe nur phasenweise“, schreibt Granert. Die FBI-Handlung werde „nach Schema F heruntererzählt“.
Es gelingt Regisseur Janus Metz Pedersen nicht, die an und für sich interessante Idee auch wirklich schlüssig und packend umzusetzen.
„Nichts zu sagen“
Deutlicher wird Mario Giglio auf Moviepilot: Der Film habe „absolut nichts zu sagen“, die Harvard-Rückblenden dienten der „plumpen Pathologisierung“ des Täters. Sein Fazit klingt vernichtend: „Bei Interesse ist man mit wirklich jeder Dokumentation zum Thema besser beraten.“ Auch Oliver Armknecht von Film-Rezensionen.de moniert, Metz reize das Potenzial nicht aus: „Hier wird zwar viel miteinander gesprochen, wird mit schweren Themen hantiert - und am Ende doch nicht wirklich etwas gesagt.“
Theodore John Kaczynski, geboren 1942 in Chicago, war promovierter Mathematiker und zog sich Anfang der 1970er Jahre in eine Hütte im ländlichen Montana zurück. Ab 1978 verschickte er selbstgebaute Sprengsätze vor allem an Universitäten und Fluggesellschaften. Daher rührt der FBI-Codename UNABOM, kurz für „University and Airline Bomber“. 1995 erzwang er den Abdruck seines rund 35.000 Wörter umfassenden Manifests „Industrial Society and Its Future“ in Washington Post und New York Times. Sein Bruder David erkannte den Stil wieder und informierte die Ermittler. 1996 nahm das FBI Kaczynski in Montana fest, 1998 bekannte er sich schuldig. Er starb am 10. Juni 2023 im Bundesgefängnis in North Carolina.
„Unabomber“ reiht sich in eine Serie prominenter Netflix-Titel zu US-Serientätern ein. Erst Mitte September startete Ryan Murphys „Monster: Die Geschichte von Lizzie Borden“ auf dem Streamingdienst, ebenfalls mit gemischtem Echo in der deutschen Kritik. Anders als Murphys Anthologie-Format setzt Metz auf die abgeschlossene Kinoform. Für die Kritiker Granert, Giglio und Armknecht ist das Ergebnis eher Anlass zu Enttäuschung als zum Ereignis.