Als Julian Nagelsmann nach gut einer Stunde Jamal Musiala vom Platz nahm und Deniz Undav für ihn brachte, stand es im NRG Stadium in Houston bereits 4:1 für Deutschland. 26 Minuten später ging der Stuttgarter mit drei Scorerpunkten in die Statistik: Ferse-Vorlage für Nathaniel Browns 5:1 in der 68. Minute, eigenes Tor zum 6:1 in der 78. Minute nach Querpass von Joshua Kimmich, Steilpass auf Kai Havertz zum 7:1 in der 88. Minute. Drei Aktionen, drei Tore, ein Endstand, der den deutschen WM-Auftakt von einem soliden Pflichtsieg zur Schauveranstaltung verwandelte.
Die Bilanz ist nicht nur in dieser Form bemerkenswert, sondern auch historisch. Wie die Stuttgarter Lokalpresse unter Berufung auf Opta nach dem Spiel verbreitete, ist Undav erst der zweite Spieler seit Beginn der erfassten Daten 1966, der bei einer Weltmeisterschaft nach Einwechslung ein Tor erzielt und zwei Treffer vorbereitet hat. Der einzige andere mit dieser Bilanz: James Rodriguez, der das 2014 für Kolumbien schaffte und am Ende der WM in Brasilien Torschützenkönig wurde.
Für Undav ist es auch persönlich eine Fortsetzung. Mit 19 Treffern in der vergangenen Bundesliga-Saison kletterte er als erster deutscher Spieler seit sechs Jahren in die Top Ten des Goldenen Schuhs, im DFB-Trikot steht seine Quote nach dem Spiel in Houston bei sieben Toren in neun Einsätzen. Beim 4:0 gegen Finnland Ende Mai hatte er per Doppelpack vorgelegt, gegen Curaçao verlängerte er die Reihe direkt.
Havertz: „Wenn man so eine Waffe hat, muss man sie nutzen"
Kai Havertz, mit drei eigenen Tor-Beteiligungen ebenfalls einer der Gewinner des Abends, lobte den Joker im Anschluss demonstrativ. „Es war eine Top-Performance von Deniz bei seinem ersten WM-Spiel. Er hat direkt gescored, dafür ist er hier. Das hat er die ganze Saison gezeigt. Deswegen ist klar: Wenn man so eine Waffe hat, dann muss man sie auch nutzen", sagte er gegenüber den am Spielfeldrand wartenden Reportern. Auch Nagelsmann hatte Anfang März bereits öffentlich erklärt, Undav komme als Joker gegen müde Verteidigungen besonders zur Geltung; eine ganze 90-Minuten-Last sei in dieser Rolle gar nicht erwünscht.
Wenn man so eine Waffe hat, dann muss man sie auch nutzen.
Trotz Scorerpunkten: Sané dürfte gegen die Elfenbeinküste starten
Eine Lösung der Stürmerfrage für das nächste Gruppenspiel am Samstag in Toronto ist Undavs Auftritt damit aber nicht. Mehrere Berichte, darunter eine Analyse bei echo24.de am Montag, gehen davon aus, dass Nagelsmann gegen die Elfenbeinküste erneut auf Leroy Sané als nominellen Stürmer setzt, der im Curaçao-Spiel kurz nach der Pause für viel Diskussion gesorgt hatte. Begründung: Sané ist im Kader der einzige Linksfuß, der von rechts kommend nach innen zieht; ein klassischer Strafraum-Stürmer ohne Flankenfutter wäre in Nagelsmanns System auf der Bank gut aufgehoben. Sané selbst nahm seinen ausgebliebenen Treffer am Sonntag eher gelassen. „Wegen meines ersten Turniertors mache ich mir keinen Stress", sagte er nach dem Spiel. „Wenn es passiert, dann passiert es. Ich habe schon viele Tore geschossen."
Für Undav heißt das nach jetzigem Stand: Bank, Einwechslung, Wirkung. Eine Aufgabe, die ihn selbst nicht stört. „Ich habe die ganze Zeit Selbstvertrauen", hatte er bereits Anfang Juni beim VfB-Stuttgart-nahen Portal erklärt. Die Zahlen aus Houston liefern jetzt das Argument dazu - und nehmen Nagelsmann zumindest die Sorge, dass das Joker-Modell bei einem Turnier mit drei Gruppenspielen in zehn Tagen aufgeht. Weiter geht es am Samstag um 22.00 Uhr deutscher Zeit in Toronto.