Norwegen hat am Mittwoch der 77 Toten des rechtsterroristischen Anschlags vom 22. Juli 2011 gedacht. Zum 15. Jahrestag wurde in Oslo ein zwölf Meter hohes Mosaik des Künstlers Matias Faldbakken enthüllt, in das die Namen aller Opfer eingraviert sind. Ministerpräsident Jonas Gahr Store und der Vorsitzende der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF, Gaute Børstad Skjervø, selbst Überlebender von Utøya, legten dort Kränze nieder, wie The Local Norway berichtet. Kronprinz Haakon, König Harald V. und Königin Sonja nahmen an einem Gedenkgottesdienst im Osloer Dom teil.

Bei einer Ansprache auf Utøya rief Store dazu auf, die Diskussion um Rechtsextremismus nicht abbrechen zu lassen. „Wir müssen offen und ehrlich darüber sprechen, was geschehen ist, über die Motive des Terroristen und über die Folgen des Rechtsextremismus“, zitiert Focus Plus den Regierungschef. Store warnte vor der Radikalisierung Jugendlicher in sozialen Medien, durch Künstliche Intelligenz und soziale Isolation. „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“, sagte der Ministerpräsident laut China Daily auf der Insel.

PST: Breivik zunehmend Vorbild

Der norwegische Inlandsgeheimdienst PST warnt in einer öffentlichen Bewertung anlässlich des Jahrestags, dass Anders Behring Breivik in Teilen der rechtsextremen Szene als Vorbild diene. „Auch Minderjährige nennen ihn als Inspirationsquelle“, berichtet IslamiQ unter Berufung auf die Behörde. Seit 2019 registriere man einen Anstieg der positiven Bezugnahmen auf den Attentäter. AUF-Vorsitzender Skjervø, der selbst weiter Hassnachrichten und Drohungen erhält, verwies in seiner Rede auf Martin Luther King: Hass lasse sich nicht mit Hass, sondern nur mit Liebe kontern, so das ZDFheute-Panorama.

Wir müssen offen und ehrlich darüber sprechen, was geschehen ist, über die Motive des Terroristen und über die Folgen des Rechtsextremismus.
- Jonas Gahr Store, Ministerpräsident, laut taz

Breivik weiter in Isolationshaft

Breivik hatte am 22. Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel eine Autobombe gezündet, die acht Menschen tötete. Anschließend fuhr er in Polizeiuniform auf die Insel Utøya und erschoss dort 69 Teilnehmer des AUF-Sommerlagers, darunter 33 Minderjährige. Verurteilt wurde er 2012 zur damaligen Höchststrafe von 21 Jahren „Forvaring“, die verlängert werden kann, solange er als gefährlich gilt. 2022 hatte ein norwegisches Gericht seinen Antrag auf Bewährung abgelehnt. Breivik verbringt seine Haft weitgehend in Isolation und hat mehrfach vor Gericht gegen die Bedingungen geklagt.

Der Anschlag bleibt der schwerste Gewaltakt in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach einer Erhebung im Nachgang kannte damals rund jeder vierte Norweger jemanden, der von den Anschlägen betroffen war. Merete Stamneshagen, die ihre Tochter Silje auf Utøya verlor und heute eine Angehörigenorganisation leitet, sagte laut The Local: „Der 22. Juli 2011 war ein brutaler Angriff nicht nur auf Einzelne, sondern auch auf unsere Demokratie.“ Die 22-Juli-Kommission hatte 2012 Versäumnisse bei Polizei und Regierungsschutz festgestellt, die den Ablauf hätten begrenzen können. Auf dieser Grundlage entstand in Oslo ein permanentes 22.-Juli-Zentrum, das an diesem Jahrestag gegenüber der Mosaikinstallation von Faldbakken um weitere Ausstellungsflächen erweitert wurde.