Es ist die 50. Minute im SoFi Stadium von Inglewood, die USA führen 3:0 gegen Paraguay, als Schiedsrichter Danny Makkelie zur Brusttasche greift. Eigentlich gilt seine gelbe Karte US-Kapitän Tim Ream, der den Paraguayer Miguel Almiron im Mittelfeld foulgespielt haben soll. Der Freistoß ist längst ausgeführt, als Videoassistent Carlos del Cerro Grande den Niederländer aus dem Keller anfunkt. Makkelie geht zum Monitor, sieht die Bilder - und nimmt das Gelb für Ream zurück. Stattdessen verwarnt er Almiron wegen Schwalbe. Das Stadion in Inglewood quittiert die Szene mit Pfiffen und Lachen, Ream sagt seinen Mitspielern fassungslos etwas ins Ohr, wie der Kicker berichtet.
Es ist die WM-Premiere für eine Regel, die das International Football Association Board (IFAB) Ende Februar beschlossen hatte. Der Videoassistent darf seit dem Frühjahr nicht mehr nur eingreifen, wenn der Schiedsrichter den falschen Spieler derselben Mannschaft verwarnt, sondern auch, wenn die falsche Mannschaft den Karton sieht. „Mistaken Identity“ heißt das im IFAB-Regelwerk, „Spielerverwechslung“ in der deutschen Übersetzung. Carlos del Cerro Grande aus Spanien nutzte die erweiterten Befugnisse als erster VAR-Offizieller bei einer Weltmeisterschaft, wie die Sportschau in ihrem Live-Blog vermerkt.
Schon während der Übertragung mehrten sich die Zweifel, ob der Fall tatsächlich unter die neue Norm fällt. Patrick Ittrich, langjähriger Bundesliga-Schiedsrichter und heute Experte bei Sport1, hielt das Vorgehen für unzulässig. „Eine Überprüfung findet immer vor der Spielfortsetzung statt“, sagte Ittrich am Sender. „Normalerweise kannst du nach einer Spielfortsetzung beim VAR-Protokoll gar nicht mehr angreifen.“ Im konkreten Fall sei zudem nicht der falsche Spieler verwarnt worden, sondern Makkelie habe seine Wahrnehmung über das Foul revidiert - eine Tatsachenentscheidung, die der Videobeweis bei einer gelben Karte gerade nicht überprüfen darf.
Für mich liegt hier ein absoluter Prozessfehler vor. Der Prozess war komplett schlecht.
Was die neue Regel wirklich abdeckt
Das IFAB hatte die VAR-Befugnisse am 28. Februar in drei Punkten erweitert. Neu eingreifen darf der Videoassistent bei zweiten gelben Karten, die zur Ampelkarte führen, bei Eckball- oder Einwurfentscheidungen und eben bei der Spielerverwechslung. Letzteres meint laut Regeltext aber den Fall, dass ein Schiedsrichter zwar erkannt hat, dass ein Vergehen sanktioniert werden muss, aber den falschen Spieler oder die falsche Mannschaft bestraft. In Los Angeles dagegen drehte Makkelie die gesamte Bewertung der Szene um: vom Foul Reams zur Schwalbe Almirons. ZDF-Experte Thorsten Kinhöfer nannte den Vorgang im Sender „eindeutig falsch“ und kündigte FIFA-Nachfragen an, wie ZDFheute berichtet.
Die FIFA äußerte sich am Samstagmorgen zunächst nicht öffentlich. In den Stadien wurden während der VAR-Überprüfung Grafiken eingeblendet, die als Anlass eine „Spielerverwechslung“ angaben - ein Hinweis darauf, dass die Offiziellen den Vorgang formal unter die neue Norm subsumieren wollten. Im Liveticker der Sportschau hieß es, Makkelie habe am Spielfeldrand sichtlich gerungen, bis er sich für die Korrektur entschied.
Für den Schiedsrichter aus Spijkenisse ist es nicht die erste Premiere. Makkelie pfiff bereits das Champions-League-Finale 2023 und die Eröffnung des Confed Cups 2017. In dieser Woche hatte die FIFA ihn für das US-Auftaktspiel der Gruppe D nominiert. Was als sportliche Auszeichnung gedacht war, dürfte den 43-Jährigen nun in einer Debatte über die Reichweite des Videobeweises festsetzen. Ittrich bilanzierte trocken: Die Regeländerungen, mit denen die FIFA die Nettospielzeit auf die angestrebten 60 Minuten heben wollte, brächten „gar nichts“.