Sechs Tage nach dem verheerenden Doppelbeben in Venezuela haben Rettungskräfte im Küstenort La Guaira ein dreijähriges Kind lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Wohnhauses geholt. Das teilte der jordanische Zivilschutz am Dienstag mit; das Team der Streitkräfte gehört zu den rund 2000 internationalen Helfern, die die Vereinten Nationen inzwischen im Land koordinieren. Das Kind wurde nach ersten Angaben vor Ort erstversorgt und in ein Krankenhaus gebracht, wie t-online unter Berufung auf die jordanische Behörde berichtet.

Die Rettung fällt in eine Woche, in der die Behörden fast täglich die Todeszahlen nach oben korrigieren mussten. Am Dienstagabend gab Parlamentspräsident Jorge Rodríguez die Zahl der bestätigten Toten mit mehr als 1943 an; nach UN-Angaben lag die Zahl am Montag noch bei 1719. Mehr als 10.500 Menschen wurden verletzt, rund 12.000 sind obdachlos. In den beiden am schwersten getroffenen Vierteln von La Guaira - Catia La Mar und Caraballeda - hielten sich zum Zeitpunkt der Erschütterungen laut Rodríguez rund 30.000 Menschen auf; etwa 10.000 gelten dort weiterhin als vermisst.

Jedes gerettete Leben ist eine Quelle der Hoffnung für Venezuela.
- Delcy Rodríguez, Interimspräsidentin Venezuelas

Vom Aztekenstadion bis Yaracuy: Zwei Beben in 39 Sekunden

Die beiden Beben ereigneten sich am 24. Juni innerhalb von nur 39 Sekunden westlich von Caracas: Der US-amerikanische Erdbebendienst USGS klassifiziert das erste Ereignis mit Magnitude 7,2 als Vorbeben, das zweite mit Magnitude 7,5 als Hauptbeben. Die Epizentren beider Erschütterungen liegen nach USGS-Angaben nahe San Felipe im Bundesstaat Yaracuy. Seither hat der Dienst mehr als 500 Nachbeben registriert. Sieben venezolanische Bundesstaaten sind betroffen, die schwersten Zerstörungen konzentrieren sich auf den Küstenstreifen um La Guaira sowie auf Teile der Hauptstadt Caracas. In La Guaira wurden nach Angaben des zivilen Katastrophenschutzes mehr als 1400 Gebäude teilweise oder vollständig zerstört, der internationale Flughafen Simón Bolívar wurde schwer beschädigt.

Auch aus Deutschland sind Helfer im Einsatz: Das Technische Hilfswerk hat 48 Rettungskräfte nach Venezuela entsandt, wie der Tagesspiegel unter Berufung auf das Bundesinnenministerium berichtet. Die EU-Kommission aktivierte ihr Katastrophenschutzverfahren und stellte fünf Millionen Euro Soforthilfe bereit. Die US-Regierung sagte 150 Millionen Dollar zu - 100 Millionen fließen in einen UN-Fonds für Venezuela, 50 Millionen an Hilfsorganisationen vor Ort, wie Außenminister Marco Rubio am Wochenende erklärte. Aus Fairfax County in Virginia und Los Angeles reisten spezialisierte Search-and-Rescue-Teams an.

UN spricht von Hochrisiko-Einsatz

Die Bergungsarbeiten laufen unter erschwerten Bedingungen weiter. Ein tropisches Tiefdruckgebiet brachte am Wochenende starke Regenfälle in die Region, ein Nachbeben der Stärke 5,2 am Montagmorgen ließ Helfer und Anwohner erneut in Panik geraten. „Wir arbeiten weiterhin in einem Hochrisiko-Umfeld“, sagte Gianluca Rampolla, der UN-Koordinator in Venezuela, gegenüber UN News. Neben dem jordanischen Team seien inzwischen Rettungskräfte aus 27 Ländern im Einsatz, dazu rund 160 Suchhunde in mehr als 40 Teams.

Der Dreijährige ist nicht der einzige spektakuläre Fund der vergangenen Tage. Bereits am ersten Wochenende nach dem Beben hatten Helfer im selben Stadtviertel ein 18 Tage altes Baby nach 32 Stunden lebend geborgen; die Mutter wurde eine Stunde später gerettet. Wenig später zog ein internationales Team einen elfjährigen Jungen mehr als drei Tage nach den Erschütterungen aus den Trümmern. Nach fast einer Woche schwinden die Hoffnungen auf weitere Überlebende jedoch. Der USGS hatte in seiner PAGER-Prognose schon in den ersten Stunden nach den Beben davor gewarnt, dass die endgültige Opferzahl fünfstellig ausfallen könnte. Vor den Notunterkünften an der Küste kommt es unterdessen laut Tagesspiegel zu ersten Protesten von Angehörigen, die eine schnellere Bergung ihrer Vermissten fordern.