Mit zentralen Kundgebungen in Hamburg, Frankfurt am Main, Stuttgart und Dortmund hat Verdi am Freitagvormittag den ersten bundesweiten Warnstreik der laufenden Tarifrunde im Handel ausgerufen. Beschäftigte von Rewe, Kaufland, Ikea, H&M, Zara, Primark und weiteren Ketten legten die Arbeit nieder, betroffen sind Verkauf, Lager und Logistik. Die zentrale Auftaktkundgebung begann um 11 Uhr am Gewerkschaftshaus am Hamburger Besenbinderhof, von dort zog die Demonstration unter dem Motto „Gewinne top, Löhne flop“ durch die Innenstadt.

Verdi fordert für die rund 5,2 Millionen Beschäftigten im Einzel-, Groß- und Versandhandel sieben Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 225 Euro pro Monat, bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte nach mehreren Verhandlungsrunden ein Angebot vorgelegt, das auf eine sechsmonatige Nullrunde, eine Erhöhung um zwei Prozent ab November 2026 und weitere 1,5 Prozent ab August 2027 hinausläuft - bei einer Gesamtlaufzeit von 24 Monaten.

Das sind vergiftete Angebote, die die Arbeitgeber uns da gerade machen: 3,5 Prozent bei einer Laufzeit von 24 Monaten!
- Silke Zimmer, Bundesvorstand Verdi

Verdi-Bundesvorstand Silke Zimmer warf den Arbeitgebern vor, mit der Offerte „nicht einmal die Inflation auszugleichen“, wie sie der WirtschaftsWoche sagte. Tabellenwirksame Lohnsteigerungen seien „kein Geschenk“, sondern stünden den Beschäftigten zu, weil die Gewinne der Unternehmen erst durch ihre Arbeit möglich seien. Die Gewerkschaft verweist zudem auf gestiegene Belastungen bei Miete, Energie und Lebensmitteln, die in den unteren Lohngruppen besonders zu Buche schlügen.

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth verwies seinerseits auf die wirtschaftliche Lage des Sektors. Hohe Energie-, Personal- und Logistikkosten sowie eine spürbar zurückhaltende Konsumlaune ließen kaum Spielraum für deutlich höhere Abschlüsse. Überzogene Tarifsteigerungen könnten nach Einschätzung des Verbands zu Stellenstreichungen und Filialschließungen führen. Die jüngste Vereinbarung von 2023 bis 2025 hatte den Beschäftigten kumuliert rund 14 Prozent mehr Lohn eingebracht.

Wenig Effekt im Regal, neue Runde am Montag

Spürbare Versorgungsengpässe in den Supermärkten erwarten Branchenbeobachter nicht. Die Bestände in den Filialen seien hoch genug, um kurze Streiktage zu überbrücken, berichtet t-online unter Berufung auf den Einzelhandel. Bei Logistik- und Lagerstandorten von Rewe und Penny kann es in der kommenden Woche zu Verzögerungen kommen, die Apothekenversorgung gilt nach Angaben der Arbeitgeber als gesichert.

Die nächste Verhandlungsrunde ist für Montag angesetzt: In Hessen geht es um den Einzelhandel, in Nordrhein-Westfalen um den Großhandel. Verdi hat bereits angekündigt, die Streiks auszuweiten, sollte sich die Arbeitgeberseite nicht bewegen. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind weitere Aktionen über das Wochenende angesetzt.