Vor 67.640 Zuschauern im Mercedes-Benz Stadium von Atlanta hat ein 40-jähriger Torwart aus Mindelo am Montagabend Geschichte für Kap Verde geschrieben. Beim 0:0 gegen Europameister Spanien parierte Josimar José Évora Dias - in der Heimat seit Jahrzehnten nur Vózinha gerufen - sieben Versuche und führte den drittkleinsten WM-Teilnehmer aller Zeiten zum ersten Punkt seiner Verbandsgeschichte bei einer Weltmeisterschaft. Laut Sportschau-Auswertung verhinderte Vózinha an einem einzigen Abend rechnerisch 2,21 Tore.
Was binnen 24 Stunden folgte, lässt sich an einer Zahl ablesen. Vor dem Anpfiff hatte Vózinha nach Angaben der Sportschau rund 40.000 Instagram-Follower, am Morgen danach standen es über fünf Millionen, in den Stunden danach laut Tagesspiegel sogar 6,3 Millionen - mehr als Florian Wirtz. Sein bei Transfermarkt geführter Marktwert: 50.000 Euro. Sein Vertrag beim portugiesischen Zweitligisten GD Chaves läuft am 30. Juni aus. Vom 1. Juli an ist der weltweit gefeierte WM-Held vereinslos.
Den Spitznamen trägt er seit seiner Kindheit in Mindelo, der zweitgrößten Stadt Kap Verdes auf der Insel São Vicente. „Ich spielte in den Straßen meiner Heimatstadt oft mit älteren Kindern Fußball“, erzählte er der Sportschau. „Weil ich sehr ehrgeizig war, ärgerte ich mich über die Niederlagen und stampfte danach wütend nach Hause. Da ich bei meinen Großeltern wohnte, machten sich die anderen Kinder lustig über mich, indem sie sagten, ich würde mich bei meinen Großeltern beklagen. So kam es zum Spitznamen Vozinha.“ Auf Portugiesisch bedeutet das so viel wie „Großmütterchen“. Als der Torwart später nach Angola wechselte und unter seinem bürgerlichen Vornamen Josimar antreten wollte, war der Name dort bereits an einen Mitspieler vergeben - Vózinha blieb.
Ich bin meinen Großeltern dankbar, die jetzt von oben auf mich herabschauen.
Der Umweg über Luanda
Seine Profikarriere begann Vózinha laut Tagesspiegel erst mit 25 Jahren, spät für einen Torwart. Zwischenstationen waren Batuque und Mindelense im heimischen Inselverbund, dann Progresso do Sambizanga in Angolas Hauptstadt Luanda, schließlich Chaves im Norden Portugals. Für die Nationalmannschaft Kap Verdes steht er seit 2012 zwischen den Pfosten. Vor der WM hatte er überlegt, die Auswahl zu verlassen. „Ich hatte überlegt, mich aus der Nationalmannschaft zurückzuziehen, aber ich bin geblieben, weil ich diesen WM-Traum hatte“, zitiert ihn der Tagesspiegel.
Im Stadion war seine Mutter nicht dabei. Die Familie habe „die Kaution für das Visum nicht rechtzeitig bezahlen“ können, schreibt der Tagesspiegel; US-Visumsgebühren liegen für kap-verdianische Staatsbürger im vier- bis fünfstelligen Dollarbereich. Stattdessen widmete Vózinha den Punkt seinen verstorbenen Großeltern, die ihn großgezogen hatten. Teamkollege Steven Moreira fasste den Abend gegenüber dem Tagesspiegel trocken zusammen: „Manchmal scherzen wir über sein Alter. Heute hat er eine beeindruckende Leistung gezeigt. Er ist eine Legende.“
Wie es in Gruppe H weitergeht
Nach dem 1:1 zwischen Saudi-Arabien und Uruguay am Dienstag in Miami stehen in Gruppe H nach dem ersten Spieltag alle vier Teams bei einem Punkt. Für Kap Verde, das vor dem Turnier von Buchmachern als härtester Außenseiter eingestuft wurde, ist die Ausgangslage für den Sprung in die Runde der letzten 32 plötzlich offen. Trainer Bubista hatte vor der WM angekündigt, mit einem tiefen 5-4-1 zu verteidigen - der Plan ging gegen Spaniens Sturm um Ferran Torres, Mikel Oyarzabal und den späten Lamine Yamal auf, weil Vózinha hinter dem Block stehen blieb.
Was nach dem 30. Juni mit dem prominentesten arbeitslosen Torwart der Welt passiert, ist eine der ersten Geschichten, die nach diesem Turnier weiterläuft. Bis dahin ist Vózinha das erste „Großmütterchen“, das einen amtierenden Europameister im Auftaktspiel einer Weltmeisterschaft ohne Gegentor zur Verzweiflung getrieben hat.