Volkswagen hat am Dienstag in Hannover zehn von 13 Haustarifverträgen zum 31. Dezember 2026 gekündigt. Betroffen sind nach Angaben der IG Metall unter anderem der Manteltarifvertrag, der Entgelttarifvertrag und die Regelung zur tariflichen Zusatzvergütung, bei der Beschäftigte zwischen sechs zusätzlichen Urlaubstagen oder einer Sonderzahlung wählen können. Hinzu kommen Vereinbarungen zu Zulagen, Eingruppierung und Teilen der Ausbildung. Die Kündigungen gelten für rund 130.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Volkswagen AG an den deutschen Standorten der Marken VW Pkw, Nutzfahrzeuge und Komponente; Audi und Porsche sind ausgenommen.

Personalvorstand Arne Meiswinkel verteidigte den Schritt mit der Lage der Branche. „Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend“, sagte er laut Tagesspiegel. „Es gilt sogar mehr als zuvor, dass Volkswagen seine Kosten senken und auf ein wettbewerbsfähiges Niveau bringen muss.“ Der Konzern verweist auf verschärften Wettbewerb aus China, geopolitische Spannungen und Handelsbarrieren. Die Entscheidung fällt nur Monate nach dem Start einer neuen Verhandlungsrunde, in der VW eine Forderung der IG Metall nach fünf Prozent mehr Entgelt zurückgewiesen hatte.

Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen.
- Thorsten Gröger, IG-Metall-Bezirkschef Niedersachsen

IG Metall und Betriebsrat reagierten scharf. „Das markiert einen tiefen Bruch mit der jahrzehntelangen VW-Kultur und ist zugleich eine klare Kampfansage an die Belegschaft“, erklärte Bezirkschef Thorsten Gröger. Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo sprach von Erpressung und kündigte Widerstand an: „Ich rechne mit einer heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel“, zitierte sie der Tagesspiegel. Erst Ende 2024 hatten die Beschäftigten den sogenannten Zukunftstarifvertrag akzeptiert, der 35.000 Stellenstreichungen bis 2030 und Einschnitte bei Boni enthielt; im Gegenzug sicherte der Konzern Standorte und Jobs zu.

Was bleibt, was wackelt

Der Zukunftstarifvertrag von 2024 bleibt von der Kündigungswelle ausdrücklich unberührt. Die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 gilt weiter, betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen sind bis dahin ausgeschlossen. In Kraft bleibt zunächst auch der gesetzliche Nachwirkungsschutz: Die bisherigen Regelungen zu Arbeitszeit, Urlaub und Entgelt fallen nicht am 1. Januar 2027 automatisch weg, sondern gelten weiter, bis sie durch eine neue Vereinbarung ersetzt oder einseitig geändert werden. Veränderungen bei Vergütung, Arbeitszeiten und Eingruppierung könnten damit frühestens im Lauf des Jahres 2027 greifen.

Beide Seiten wollen in der zweiten Oktoberhälfte weiterverhandeln. Die Friedenspflicht beim gekündigten Entgelttarifvertrag endet nach Angaben der IG Metall im Januar - ab dann sind Warnstreiks möglich. Volkswagen steckt bei der Transformation hin zur Elektromobilität in einer tiefen Ergebniskrise, die Kernmarke VW Pkw hat sich 2025 mit einer Umsatzrendite von unter zwei Prozent weit vom konzerninternen Zielwert entfernt. Der jetzt eskalierende Tarifstreit entscheidet mit darüber, ob die Kostenwende, die Konzernchef Oliver Blume und Markenchef Thomas Schäfer eingeleitet haben, auch sozialverträglich gelingt - oder ob Wolfsburg in den ersten Wochen des Jahres 2027 den nächsten Großkonflikt erlebt.