Eine europäische Alternative zu Elon Musks Plattform X ist seit Mittwoch online. W Social, geführt von der früheren eBay-Managerin Anna Zeiter und dem schwedischen Unternehmer Ingmar Rentzhog, startete um die Mittagszeit in die Beta-Phase. Wer sich anmelden will, muss einmalig Personalausweis oder Reisepass mit Selfie vorzeigen; die Daten würden danach gelöscht, nur ein verschlüsselter Token bleibe gespeichert, um Mehrfachkonten zu verhindern, teilte das Unternehmen mit.
Zeiter, die in München für eBay zuletzt den Datenschutz verantwortete, formulierte die Mission gegenüber ZDFheute mit einem Satz: „Europa muss sich aufrichten. Wir müssen digital unabhängiger werden.“ Den Vergleich mit der Einlasskontrolle im Club zog sie selbst: Wer ins Netzwerk wolle, müsse so etwas wie das Volljährigkeitsticket vorlegen - danach bewege man sich anonym, könne aber unter einem Pseudonym posten. Aktivisten und politisch Verfolgten soll das Schutz vor Identifizierung bieten.
Finanziert wird die Plattform laut Zeiter von rund 80 privaten Investoren aus Europa. EU-Mittel fliessen nicht, Werbung soll frühestens 2028 möglich sein, dann gelten ausschliesslich europäische Anbieter. Geplant sind Mikrobezahlungen für einzelne Beiträge. Programmiert, gehostet und verwaltet wird ausschliesslich in Europa - ein Versprechen, das Zeiter und Rentzhog gegen die US-Dominanz von X, Threads und Bluesky in Stellung bringen.
EU-Institutionen sind schon umgezogen
Auffällig ist der Start mit prominenter europäischer Kundschaft: Die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und EZB-Präsidentin Christine Lagarde haben ihre Konten bereits auf die neue Plattform gespiegelt. Auf der Warteliste stehen nach Angaben des Unternehmens 50.000 Nutzer aus 180 Ländern, die vollständige Öffnung soll im Januar 2027 folgen. W Social setzt auf das offene AT-Protokoll, dasselbe technische Fundament wie das US-Netzwerk Bluesky - Inhalte sollen damit zwischen kompatiblen Diensten portabel sein.
Nicht alle in der Netzgemeinde halten den Auftritt für so europäisch revolutionär, wie er vermarktet wird. Das Portal netzpolitik.org warf W Social vor, mit der Ausweispflicht „die Identifikationspflicht im Netz“ vorzuschieben, ohne den Sicherheitsgewinn zu belegen. Anders als Mastodon oder das ebenfalls in Europa gestartete Eurosky arbeitet W Social mit geschlossenem Quellcode. Dass die EU-Kommission und Lagarde ausgerechnet auf die kommerzielle Plattform und nicht auf die offenen Alternativen wechselten, nannte der Autor „bemerkenswert“.
Europa muss sich aufrichten. Wir müssen digital unabhängiger werden.
Heikel ist auch der Umgang mit politischen Polen: Zeiter bestätigte in einem Blick-Interview, dass die Plattform keine linke Blase werden solle, und nannte AfD-Chefin Alice Weidel namentlich als willkommen. Blocklisten, wie sie auf Bluesky moderierte Communities ermöglichen, soll es bei W Social vorerst nicht geben. Ob das die EU-Institutionen, die ihren Auftritt dort sicher als Signal verstanden wissen wollten, langfristig hält, dürfte zur Frage des kommenden Jahres werden.
Für den breiten Markt wird sich W Social an seinen Nutzerzahlen messen lassen müssen. Bluesky kam nach Anfang 2024 binnen weniger Wochen auf zweistellige Millionenwerte, Mastodon wuchs nach Musks X-Übernahme in mehreren Wellen und stagniert seit Monaten. W Social startet ohne Bots, mit Ausweispflicht und einer Wartelistenlogik - drei Hürden, die das Wachstum bremsen können, aber genau jene Diskussionskultur ermöglichen sollen, die Zeiter als europäisches Alleinstellungsmerkmal verspricht.