Die Waldsiedlung Zehlendorf im Berliner Südwesten ist Unesco-Welterbe. Das Welterbekomitee der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur beschloss am Sonntag auf seiner 48. Sitzung im südkoreanischen Busan die Aufnahme der Anlage um den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte als siebten Baustein der „Siedlungen der Berliner Moderne“, wie die Deutsche Unesco-Kommission bestätigte. Damit ist die Siedlung aus 1.917 Wohneinheiten, entworfen zwischen 1926 und 1932 von Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg, die größte der sieben Berliner Welterbe-Siedlungen des Neuen Bauens.

Die farbig gefassten Fassaden brachten der Anlage im Volksmund den Namen „Papageiensiedlung“ ein. Bauherrin war 1926 die genossenschaftliche GEHAG; die Gartenarchitektur entwarfen Leberecht Migge und Martha Willings-Göhre. Reihenhäuser und dreigeschossige Mehrfamilienbauten mit Balkonen, Loggien und Nutzgärten sollten in einer Zeit akuter Wohnungsnot in Berlin bezahlbaren Wohnraum bieten und zugleich zeigen, wie das Neue Bauen für die Massen aussehen konnte.

„Mit ihrer einzigartigen Verbindung von Architektur, Waldlandschaft und urbaner Infrastruktur erweitert die Waldsiedlung Zehlendorf das bestehende Welterbe um eine ganz eigene Facette“, erklärte die deutsche Unesco-Botschafterin Kerstin Pürschel nach dem Beschluss in Busan. Auch die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission Maria Böhmer ordnete die Entscheidung grundsätzlich ein und würdigte die Berliner Anlagen der Zwischenkriegszeit als Vorbilder eines sozialen Wohnungsbaus.

Die Siedlungen der Berliner Moderne sind weit mehr als herausragende Architektur.
- Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission

Erweiterung eines Welterbes von 2008

Auf der Welterbeliste stehen die Berliner Siedlungen seit 2008: die Gartenstadt Falkenberg, Schillerpark, die Hufeisensiedlung, Carl-Legien-Stadt, die Weiße Stadt und die Großsiedlung Siemensstadt. Der Antrag für die Erweiterung um Zehlendorf war seit 2021 vom Landesdenkmalamt Berlin und vom Landesdenkmalamt vorbereitet worden; zuständig auf Landesebene ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen unter Christian Gaebler (SPD). Die 48. Sitzung des Welterbekomitees tagt noch bis zum 29. Juli in Busan und entscheidet in diesem Turnus über gut 30 Anträge weltweit.

Ihren Namen verdankt die Siedlung einem 1885 eröffneten Ausflugslokal am Rand des Grunewalds; der Wirt Thomas hatte seine Gaststätte in Anlehnung an Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“ benannt. Die 1929 in Betrieb genommene gleichnamige U-Bahn-Station gilt mit ihrer angeschlossenen Ladenzeile als früher Versuch, Wohnen, Nahverkehr und Handel baulich zu verknüpfen. Zu den prominenten Bewohnern zählten der Schauspieler Theo Lingen und der spätere SPD-Politiker und Widerstandskämpfer Julius Leber, der hier bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo lebte.

Berlin plant zum 100-jährigen Bestehen der Siedlung Ende August ein viertägiges Festival mit Führungen und Ausstellungen. Vom 27. bis 30. August 2026 wird gefeiert, was in Busan nun besiegelt ist: Eine Wohnanlage, die einmal Wohnungsnot lindern sollte, ist jetzt Kulturerbe der Menschheit.