Heute, am 23. Mai, erinnert der World Turtle Day weltweit an den Schutz der Schildkröten. Initiiert hat den Aktionstag im Jahr 2000 die US-Organisation American Tortoise Rescue, ausgerufen wurde er von der Humane Society of the United States. In Deutschland fällt die Bilanz nüchtern aus: Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis), die einzige heimische Schildkrötenart, hält sich nur noch in Restbeständen. Auswilderungsprogramme in Brandenburg, Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz stützen die Art seit Jahren.
Die letzte natürliche Population entdeckten Forscher 1998 in der Uckermark, mit damals 70 bis 80 erwachsenen Tieren und ohne Jungtiere. Im brandenburgischen Linum leitet Norbert Schneeweiß seit den 1990er-Jahren das Schutzprojekt der Naturschutzstation Rhinluch, heute Artenkompetenzzentrum des Landesamts für Umwelt. Jedes Jahr zieht das Team Jungtiere in Auffangstationen auf und setzt sie nach zwei bis drei Jahren in geeigneten Gewässern aus. „Ohne unsere Hilfe würde es die Europäische Sumpfschildkröte in Deutschland schon längst nicht mehr geben“, sagte Schneeweiß gegenüber t-online. EU-LIFE-Mittel zwischen 2005 und 2009 sowie die Bingo-Umweltstiftung haben den Bestand stabilisiert.
Die Bedrohungen kommen aus mehreren Richtungen. Senckenberg-Zoologe Uwe Fritz bezeichnete gegenüber t-online die invasiven Waschbären als „die größte Gefahr für das Projekt“; auch Marderhunde und Mink fressen Gelege und frisch geschlüpfte Tiere. Heiße, trockene Sommer haben die flachen Brutgewässer in der Uckermark mehrfach austrocknen lassen, wie das Brandenburgische Landesamt für Umwelt dokumentiert. Hinzu kommen ausgesetzte Schmuckschildkröten aus Nordamerika, die im Wettbewerb um Sonnenplätze und Futter die schwächeren heimischen Tiere verdrängen.
Ohne unsere Hilfe würde es die Europäische Sumpfschildkröte in Deutschland schon längst nicht mehr geben.
Die Zahl der ausgesetzten Exoten wächst. Allein in Niedersachsen entnahmen Behörden zwischen Anfang 2019 und Ende 2024 mehr als 270 Rotwangen-Schmuckschildkröten den heimischen Gewässern. Das geht aus einer Antwort des Niedersächsischen Umweltministeriums auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Lukas Reinken hervor, über die das Regionalportal regionalheute.de berichtete. Schwerpunkte sind die Großräume Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Wolfsburg und Göttingen, also Stadtnähe, wo Halter ihre Tiere illegal in Teichen aussetzen. Im Südwesten Deutschlands gelingt der Buchstaben-Schmuckschildkröte mittlerweile sogar eine erste natürliche Vermehrung, wie die Leibniz-Gemeinschaft warnte.
Wenn die Heimtierhaltung scheitert
Die häufigste Ursache nennen Tierheime und Auffangstationen unisono: Schmuckschildkröten werden größer und langlebiger als von Käufern erwartet, ein artgerechtes Becken oder Außengehege ist teuer. Statt die Tiere an Auffangstationen wie TERRA MATER in Graben-Neudorf oder das Tierheim Berlin abzugeben, setzen Halter sie aus. Der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe verwies anlässlich des Aktionstags auf die Lernfähigkeit der Tiere: Schildkröten könnten visuelle Merkmale „mindestens 18 Monate“ speichern und trainierte Aufgaben über Jahre hinweg abrufen. Sie verdienten entsprechend langfristig geplante Haltung.
Auch im Nachbarland Österreich, das ebenfalls nur die Sumpfschildkröte als heimische Art kennt, hat der Naturschutzbund am Vortag des World Turtle Day Bilanz gezogen. Die Art gilt laut Roter Liste Österreich als „vom Aussterben bedroht“, als Hauptursachen nennt der Verband Lebensraumzerstörung und die Konkurrenz durch ausgesetzte nordamerikanische Verwandte. In Brandenburg sichern Schneeweiß und sein Team die Gelege inzwischen mit metallenen Schutzgittern - sonst fressen Waschbären die Eier, bevor die Jungtiere überhaupt schlüpfen.